Nichtwissen als Zivilisationsmotor
4. August 2008Liebe Leserin, lieber Leser!
Wenn Sie diesen Text lesen, sitzen Sie höchstwahrscheinlich gerade vor einem Computer. Diesen Computer würden Sie wahrscheinlich gerne so manches mal zertrümmern wollen, aber würden Sie ohne ihn auskommen? Sie vielleicht. Aber unsere Gesellschaft nicht mehr - denken Sie beispielsweise nur an die Ampelanlagen, die unmöglich von Hand gesteuert werden können. Sollten Sie jetzt denken: „Ich bin nicht begeistert von meinem Computer.“ - OK. Dann schauen Sie mal auf andere Technologien:
Fortbewegungsmittel: Autos, Motorräder, Züge, Busse, Flugzeuge, Schiffe, Fahrräder… Medizintechnik: Röntgengeräte, Magnetresonanztumographie, Ultraschallgeräte, Laserskalpelle… Haushaltsgeräte: Kühlschränke, Herde, Mixer, Toaster… Unterhaltungselektronik: Fernseher, Hi-Fi Anlagen, MP3-Player…
Ich denke das reicht, um zu verdeutlichen: Wir leben ein deutlich komfortableres Leben mit einer erheblich längeren Lebenserwartung und -qualität als vor 200 oder mehr Jahren. Und das verdanken wir auch diesen Technologien. Vielleicht nicht einem neuen Videospiel, aber sicherlich anderen, fundamentaleren Techniken wie Stromerzeugung, Verbrennungsmotoren oder solchen, die unserer medizinischen Versorgung eingesetzt werden.
Was war die Voraussetzung für all diese Techniken? Know-How werden Sie jetzt vielleicht denken. Ja, das ist richtig. Aber was ging diesem Know-How voraus? Im Allgemeinen sind dies Fragen gewesen, ein Staunen, sich wundern, nicht wahr haben wollen, kurz: ein Nichtwissen.
Harrison Owen, der Erfinder der Großgruppenmethode Open Space, hat in seinem Artikel für mein Buch „Management von Nichtwissen in Unternehmen“ eine kurze Geschichte dazu erzählt:
„In den frühen 1960ern fand ich mich an der John Hopkins University wieder, einer Zitadelle des Lernens und Wissens. In dieser Zeit war ich privilegiert, einen der führenden Genetiker zu treffen und kennen zu lernen: Bentley Glass. … was mir am besten in Erinnerung blieb, war seine Leidenschaft für das Fragen. An einem winterlichen Tag wendete sich unsere Unterhaltung seiner Arbeit zu und dem, wie er das tat, was er tat. Offenherzig sagte er: „Eine große Entdeckung zu machen ist aufregend, wenn auch nur deshalb, weil sie unser Wissen erweitert. Wir belohnen Leute für solche Entdeckungen. Aber für mich liegt die wirkliche Leidenschaft in der Frage. Die Antwort zu bekommen ist einfach, wenn du nur die richtige Frage gestellt hast. Ich habe immer gedacht, dass wir Nobelpreise für Spitzenfragen haben sollten.“ (S. 152).
In diesem Sinne ist unser intelligent genutztes Nichtwissen der Motor unserer Zivilisation. Und umso bedenklicher ist es, dass Nichtwissen an allen Ecken unserer Wissensgesellschaft (!) ignoriert, vertuscht und stigmatisiert wird. Wenn wir dieses Verhalten konsequent zu Ende denken, werden wir im Eiltempo unsere Zivilisation zu Grunde richten.
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch








