Ein Fall von Nichtwissen (6): Kostenexplosion bei der Elbphilharmonie
Liebe Leserin, lieber Leser!
Eine nicht enden wollende Geschichte ist die Kostenexplosion bei Groß- und Infrastrukturprojekten. Es ist ein wirklich herzerfrischender Hinweis auf die Unvollkommenheit von Planungsprozessen und Informationspolitik. Mal vorsichtig formuliert, konservativ, sozusagen. Denn würde Planung funktionieren, dürften ja nicht allerorten die Kosten und die Bauzeiten aus dem Ruder laufen. Tun sie aber. Ein aktuelles Beispiel ist die Elbphilharmonie in Hamburg.
Die offizielle Präsentation lautet wie folgt: “Hamburg erhält mit der Elbphilharmonie ein neues imposantes Konzerthaus, das einen der besten Konzertsäle der Welt beheimaten soll. Klassische Musik, aber auch Jazz-, Welt- und Popmusik bekommen einen herausragenden Aufführungsort. Die Elbphilharmonie wird ein neues Wahrzeichen für die Stadt und gleichzeitig ein Haus für alle sein. Der neue Gebäudekomplex wird drei Konzertsäle, ein Hotel mit Konferenzbereich, Wohnungen, eine Plaza auf 37 Metern Höhe und im Kaispeicher zahlreiche Parkplätze enthalten. Er entsteht nach Entwürfen der renommierten Schweizer Architekten Herzog & de Meuron.” (Quelle: http://elbphilharmonie-bau.de/index_html.php?typ=artikel&id=52)

Simulation der Elbphilharmonie
Die Kosten waren Anfangs auf 186 Millionen Euro geplant. Was allerdings - wie so oft bei derartigen Projekten, oder eigentlich eher: meistens - ein ziemlicher Irrtum war. Es werden nämlich voraussichtlich 500 Millionen Euro. Selbst wenn der Spaß Hamburg am Ende “nur” 400 Millionen kosten wird, so handelt es sich doch nicht gerade um eine Bagatelle. Deshalb fordert die SPD nun auch einen “Elbphilharmonie-Untersuchungsausschuss“. Denn selbstredend versagte die Planung nicht nur bei der Kostenkalkulation, sondern auch bei der Terminierung. Die Kultursenatorin Karin von Welck verkündete 2008 noch optimistisch: „Das ist alles nicht schön, aber jetzt haben wir endlich größtmögliche Kosten- und Terminsicherheit.“ (Bild online, 26.11.2008) Dumm nur, dass der angeblich sichere Termin schon mal geplatzt ist. Der Bau sollte am 30.11.2011 übergeben werden. Das nächste Datum lautete auf Mai 2012 - was jedoch auch schon wieder in Frage gestellt ist.
Natürlich läuft bereits die erbitterte Schlacht um die Schuldfrage: “Das Büro Herzog & de Meuron teilte mit, sie hätten die Pläne pünktlich geliefert. (Meldung vom 22.01.2010)” - “Elbphilharmonie-Streit: GAL nennt Hochtief “Heuschrecke”. Laut NDR 90,3 will der Baukonzern Hochtief nun selbst an die Öffentlichkeit gehen. (Meldung vom 26.01.2010)” - “Elbphilharmonie-Streit: Hochtief geht in die Offensive. Nach Angaben des Baukonzerns verzögert sich die Fertigstellung vor allem wegen der Komplexität des Baus des großen Saals. (Meldung vom 28.01.2010)”
Nun gut, könnten Sie sagen. Ist halt eine traurige Ausnahme. Weit gefehlt. Die planerische Wirklichkeit von derartigen Projekten kennt ein Mann besonders gut: Bent Flyvbjerg. Er ist Professor für Planungswesen an der Universität Aalborg in Dänemark und für Infrastrukturpolitik und Planungswesen an der Technischen Universität Delft in Holland. Bislang hat er 258 Projekte erforscht. Das traurige Ergebnis: Bei 90 Prozent aller Infrastruktur- und Großprojekte kommt es zu einer Kostenexplosion! Als hauptsächlichen Grund führt Flyvbjerg eine “Kultur der Fehlinformation” an. Mehr dazu finden Sie in meinem neuen Buch “Feel it! Soviel Intuition verträgt Ihr Unternehmen.” (ab Mitte/Ende Mai im Buchhandel).
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