Liebe Leserin, lieber Leser!
Mit diesem Beitrag stelle ich das zweite, große Standard-Erklärungsmodell menschlicher Intuition vor. Neben dem Erfahrungswissen, über das ich beim letzten mal geschrieben habe, stellt die - wissenschaftlich formuliert - “subliminale Wahrnehmung und Informationsverarbeitung” die wichtigste Teil-Theorie der Intuition dar. Dieser Ansatz, Intuition zu erklären, macht unmittelbar verständlich, warum eben auch Berufsanfänger und Laien erfolgreiche Intuitionen haben können. Entgegen so mancher aktueller Äußerung, dass sich doch bitte nur Experten auf Ihre Intuition verlassen sollten. Der folgende Artikel ist ein Auszug aus meiner Doktorarbeit zum “Training professioneller Intuition”, leicht gekürzt und sprachlich überarbeitet.
1. Geschichte und Kurzeinführung
Die Untersuchungen zur unbewussten (subliminalen) Wahrnehmung gehen auf verschiedene Personen wie William James, Sigmund Freud u.a. zurück, die sich in diversen experimentellen Settings der Thematik annäherten.

William James
Einen Teil der Versuchsdesigns machten Experimente mit überzufälligem Raten aus, die auch im Zusammenhang mit dem eng verwandten Konzept des “impliziten Wissens” (=Erfahrungswissen) immer wieder verwendet wurden. In den früheren Studien mangelte es dabei jedoch an Kontrollgruppen, was zur berechtigten Kritik führte. In aktuellen Studien wurden dann unter strengeren methodischen Kriterien sogenannte “kontrolliert-randomisierte” Experimente durchgeführt. “Randomisiert” heißt dabei, dass die Versuchspersonen zufällig der Experimental- und Kontrollgruppe zugeordnet wurden. Die Ergebnisse dieser Studien belegten eindeutig die unbewusste Wahrnehmung und Informationsverarbeitung.
Der Begriff der “subliminalen Wahrnehmung” ist zwar noch umstritten, aber man ist sich mittlerweile bezüglich des Verhältnisses von bewussten und unbewussten Prozessen einig: „Alle Autoren, die sich zum Bewusstsein äußern und mentale Zustände beschreiben, sind sich darin einig, dass die unmittelbar erlebten geistigen Zustände nur Teilausschnitte des mentalen Lebens spiegeln.“ (Perrig et al. (1993): Unbewusste Informationsverarbeitung. Bern, Göttingen: Huber, S. 17)
2. Unbewusste Handlungen: Trennung der Verhaltens- und Erlebensebene
Wenn Sie Ihre täglichen Erfahrungen beobachten, ist es selbstverständlich, dass Sie weder alle Wahrnehmungen noch Handlungen bewusst vollziehen: Sind Sie zum Beispiel bei langen Autobahnfahrten immer wieder mal „geistig abwesend“? Vermutlich ja. Auch Sie denken an dies oder das, träumen vor sich hin und sind doch in der Lage eine komplexe Umwelt angemessen wahrzunehmen. Sie bremsen, blinken, lenken, schalten und geben Gas. Nach einigen Kilometern „wachen“ Sie dann gewissermaßen auf und lenken Ihre Aufmerksamkeit wieder bewusst und ungeteilt auf das Autofahren.
Ein wichtiger und zentraler Aspekt der subliminalen Wahrnehmung und Informationsverarbeitung ist somit die Trennung der Verhaltens- und Erlebensebene: Nicht alles Verhalten bedeutet zwangsläufig ein bewusstes Erleben. Verhalten kann sehr wohl unbewusst ablaufen, so wie die eben skizzierte unbewusste Autofahrt. Ein weiteres Beispiel, dass Sie aus Ihrer Erfahrung kennen dürften, ist das Fahrradfahren: Sie müssen sich nicht die ganze Fahrt über auf alle relevanten Umgebungsparameter konzentrieren, sondern können während der Fahrt nachdenken, Musik hören, selber ein Lied trällern oder sich mit jemand anderem, der mit Ihnen zusammen fährt, unterhalten. Und trotzdem kommen Sie im Allgemeinen sicher an Ihrem Ziel an. In der Literatur finden sich zur Illustration dieses Phänomens häufig Beispiele mit sogenannten amnestischen Patienten (also Patienten mit Gedächtnisstörungen), was jedoch zu der Annahme führen kann, dass diese Verhaltens-Erlebens-Trennung als krankhaft interpretiert werden kann - was sie aber keineswegs ist, wie die Alltagsbeispiele belegen.
Die Beispiele mit amnestischen Patienten sind allerdings gut geeignet, um das Phänomen der unbewussten Informationsverarbeitung weiter zu erläutern und zu untersuchen: Wenn eine amnestische Person bereits einmal eine Aufgabe gelöst hat, ist sie beim zweiten Mal in der Lage, diese Aufgabe schneller zu lösen, obwohl sie subjektiv davon ausgeht, das sie die Aufgabe nie zuvor gestellt bekommen hat und sich nach dem ersten Durchlauf auch nicht bewusst damit beschäftigt hat. Dies verweist auf einen Prozess unbewussten Lernens auf der Grundlage unbewusster Wahrnehmung und Informationsverarbeitung.
Ein äußerst spannender Prototyp experimenteller Forschung sind Studien mit “künstlichen Sprachen”. Der Versuchsaufbau sieht so aus: Die Versuchspersonen lernen in einer ersten Phase solange eine erfundene, künstliche Sprache bis sie einigermaßen aber nicht vollständig die grammatischen Regeln beherrschen. In Phase 2 werden den Versuchspersonen einfache Sätze in dieser künstlichen Sprache vorgelegt. Sie sollen deren grammatikalische Korrektheit mit einem einfachen Ja / Nein innerhalb weniger Sekunden beurteilen. Das Zwischenergebnis: Überzufällig viele Versuchspersonen lösen diese Aufgabe richtig! Dies könnte nicht der Fall sein, wenn wir nur bewusst wahrnehmen und Informationen verarbeiten, denn in der ersten Phase konnten die Versuchspersonen ja nicht alle Regeln bewusst wiederholen. Jetzt aber wird es erst richtig spannend: In Phase 3 sollten die Versuchspersonen erklären, warum der jeweilige Satz falsch oder richtig ist. Das Ergebnis: Überzufällig viele Personen beantworteten diese Frage falsch! Sie verfügten über korrektes Wissen, sie entschieden und verhielten sich richtig, aber sie konnten nicht erklären warum. Kurz: Sie wussten mehr, als sie sagen konnten.
3. Innenwelten - Außenwelten / bedeutende - unbedeutende Informationen
Ich unterscheide Innen- und Außenwelt-Wahrnehmung. Die Innenwelt-Wahrnehmung registriert alle Daten, die in uns selbst erzeugt werden: Körperwahrnehmungen, innere Bilder, innere Stimmen usw. Die Außenwelt-Wahrnehmung bezieht sich auf alles außerhalb der Person Liegende: Die aktuelle Umgebung, Temperatur, Lichtverhältnisse, andere Personen, deren kommunikative Äußerungen usw. Intuitionen können sich nun sowohl aus der Innenwelt- als auch der Außenwelt-Wahrnehmung ergeben.
Kaum jemand wird behaupten wollen, dass uns alle diese Innen- und Außenwelt-Wahrnehmungen zu jedem Zeitpunkt bewusst sind. Das ist auch gar nicht nötig, da wir diese Datenflut relativ einfach über Kriterienkataloge in für uns bedeutende und unbedeutende Daten unterscheiden können. Wir widmen uns dann nur den bedeutenden Daten. Das bedeutet, dass keine “objektiven” Daten sondern nur subjektiv bedeutsame Daten nach subjektiven oder bestenfalls intersubjektiven Kriterien Eingang finden in das (Unter-)Bewusstsein einer Person.
Dabei entsteht allerdings die Problematik, dass sich niemand andauernd dieser Bedeutsamkeits-Kriterien bewusst sein kann. Ein solcher Bewusstseinsakt ist schon deshalb nicht möglich, da wir uns nicht für alle Kriterien nach einer ausgiebigen Reflexion bewusst entschieden haben, sondern diese beispielsweise durch Sozialisationsprozesse unbewusst und ungefragt erworben haben. Dies ist ein weiterer Aspekt der unbewussten Wahrnehmung.
4. Begrenztheit bewusster Informationsverarbeitung
Eine zentrale Rolle in diesem Erklärungsmodell spielt die Begrenztheit bewusster Wahrnehmung und Informationsverarbeitung. Wir nehmen bewusst viel weniger Daten wahr, als unbewusst. Dabei mutet dieses Verhältnis in manchen Studien etwas abenteuerlich an, aber so oder so ist klar: Unser kontrolliertes Bewusstsein ist wesentlich weniger leistungsfähig, als unser unkontrollierbares Unterbewusstsein.
Ein schönes aktuelles Experiment stammt von dem Sozialpsychologen Prof. Dr. Henning Plessner, jetztiger Lehrstuhlinhaber für Sozialpsychologie an der Universität Leipzig: Seine Studiengruppe setzte Versuchspersonen vor einen Bildschirm, auf dem nacheinander diverse Werbespots liefen. Die Aufgabe an die Versuchspersonen lenkte den Aufmerksamkeitsfokus auf die Spots, da hinterher angeblich Fragen dazu gestellt werden würden. Am unteren Bildschirmrand lief parallel ein Aktienticker, so wie aus manchen Nachrichtenkanälen bekannt. Die Versuchspersonen wurden gebeten, die Werte laut mitzulesen, aber nicht aufgefordert sich die diese Daten zu merken.

Prof. Dr. Henning Plessner
Anschließend wurden die Versuchspersonen nicht zu den Werbespots befragt (die ja nur der Ablenkung des Aufmerksamkeitsfokus dienten), sondern zu den Aktien. Die Versuchspersonen konnten zwar nicht die konkreten Aktienwerte korrekt wiedergeben, aber auf die Frage, welche Aktien ihnen gefielen, antworteten sie intuitiv richtig, welche sie kaufen würden und welche nicht. Das Unbewusste konnte also parallel zu dem bewussten Prozess zahlreiche Informationen korrekt wahrnehmen und verarbeiten. Damit ist dieses Experiment genau genommen ein Beispiel für die automatische Informationsverabeitung, die zeigt, dass Daten zwar nicht bewusst aber unbewusst gespeichert werden. Auch wenn kein bewusster Zugriff möglich ist, beeinflussen die wahrgenommenen Informationen die Entscheidung auf korrekte Weise.
5. Implikationen dieses Erklärungsmodells
Im Gegensatz zum Erklärungsmodell “Erfahrungswissen” kann aus diesem theoretischen Ansatz die Schlussfolgerung abgeleitet werden, dass eben auch Berufsanfänger zieldienliche Intuitionen haben können. Was aus meiner Sicht offensichtlich ist: Fast jeder kennt dies aus eigener Erfahrung oder zumindest als Erfolgserlebnis bei anderen Menschen.
6. Weitere Quellen und Buchtipps
Artikel
Wikipedia-Artikel über “subliminal”
Psychologie-News Artikel “Unterschwellige Wahrnehmung” - kurzer Artikel vom April 2009 mit weiteren Buchtipps.
Spiegel Artikel “Die Weisheit der Gefühle, Teil 2“ - ein netter, leicht lesbarer Artikel, der das hier vorgestellt Erklärungsmodell weiter illustriert.
Bücher
Plessner, H. et al. (2007) Intuition in Judgement and Decision Making. New York, London: Lawrence Erlbaum Associates. (Gebunden, 335 Seiten)
Sadler-Smith, E. (2008): Inside Intuition. New York: Routledge. (Paperback, 352 Seiten)