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Nichtwissen

März 21, 2006 Von: blog-zeuch Kategorie: Nichtwissen 2 Kommentare →

Nichtwissen? Das klingt irgendwie nach Inkompetenz. Besonders wenn wir davon ausgehen, in einer Wissensgesellschaft zu leben, in der Wissen eine besonders wertvolle Ressource darstellt. „Nichtwissen“ erweckt dann den Eindruck, nicht up-to-date zu sein, seine Hausaufgaben nicht gemacht zu haben und seinen Verantwortungen nicht gerecht zu werden. Ist es das, worum es mir mit dem Begriff geht? Sie ahnen es: Natürlich nicht.

Die Kehrseite von Informationsflut: Nichtwissen
Zum Einen war Nichtwissen schon immer die unhintergehbare Kehrseite des Wissens. Wo Wissen geschaffen wird, entsteht immer neues Nichtwissen. Das entscheidende Moment liegt also nicht in einem qualitativen Unterschied zu früheren Zeiten, als noch mit Hand und Feder geschrieben wurde. Es ist die schiere Masse, die uns vor neue Aufgaben stellt. Nehmen Sie beispielsweise das Wort Nichtwissen, geben Sie es in Google ein und Sie erhalten sage und schreibe 2.230.000 Treffer in gerade mal 0,2 Sekunden (Stand: 21.März 2006). Beeindruckend, oder nehmen Sie diese Ungeheuerlichkeit schon gar nicht mehr wahr? Wer soll, wenn er oder sie sich für die Treffer interessiert, diesen Datenberg erklimmen? Wo verstecken sich die Juwelen im Heuhaufen nutzloser, manchmal sogar ärgerlicher Seitennennungen? Software-Entwickler haben darauf natürlich eine Antwort: Intelligente Algorithmen. Dadurch lassen sich einige Probleme mit Suchmaschinen lösen, aber nicht das grundsätzliche Problem.

Die Explosion von Fachwissen wird zum Risiko
In allen Fachdisziplinen wächst das Fachwissen (genauer: die dafür grundlegenden Daten) exponentiell. Experten, zum Beispiel Ärzte, können gar nicht mehr alles wissen, was ihre Disziplin an neuen Daten produziert – und damit ist nicht die Medizin im Allgemeinen gemeint, sondern deren Spezialisierungen, wie zum Beispiel Kardiologie oder Psychiatrie etc. Wie wollen wir zukünftig mit dem dadurch ent- stehenden Nichtwissen umgehen? Was soll mit den Studiengängen passieren? Sie können schließlich nicht unendlich verlängert werden, damit die Studenten auch nur halbwegs auf dem aktuellen Wis- sensstand kommen. Wie steht es mit Fortbildungen im Berufsleben? (Die werden verrückter Weise von vielen Firmen gerade reduziert, um die Rentabilität der Unternehmen durch diesen geistreichen Kniff kurzfristiger Kostensenkungen zu erhöhen.) Dies sind nur einige erste Fragen, die sich aus der angesprochenen Problematik ergeben.

Aber damit nicht genug. Nichtwissen wird auch noch aus anderen Gründen ein zunehmend wichtigeres Phänomen:

Uneindeutigkeit: Im Alltag gehen wir davon aus, dass wir Daten nur interpretieren müssen um zu einem logischen Ergebnis zu kommen. Aber trifft dies tatsächlich zu? Denken Sie einfach mal an die vielen ver- schiedenen Pro und Contraargumente im Falle von Atomkraftwerken, gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln, Nanotechnologie und bei ehemaligen Skandalen wie BSE. Erweckt das noch den Eindruck einer klaren Sachlage, nach der man wissentlich nur eine Entscheidung treffen kann?

Pseudorationalität: Kurzum, wir tun so, als handele es sich bei Rationalität um eine Form, die wir in westlichen Gesellschaften teilen würden. Das ist jedoch genauso illusionär wir eine 2005 angekündigte „Politik aus einem Guss“. Wo viele Köche mitmischen, wird häufig der Brei verdorben. Wissenschaftssoziologen sprechen in diesem Zu- sammenhang von verschiedenen „kognitiven Stilen“ oder „epis- temischen Kulturen“. Was dem einen logisch erscheint, kann der an- dere nicht mehr nachvollziehen.

Was ist Wissen? Und noch viel grundlegender: Was ist überhaupt „Wissen“? Und für wen soll dieses Wissen „relevant“ sein? Zu Frage eins: Wer hat die Deutungshoheit darüber, was wann warum wie als Wissen definiert wird? Zu Frage zwei: Für viele sind bestimmte Wissensbestände noch nie relevant gewesen und damit auch als Wissen überflüssig. Für wen sind althebräische Forschungen relevant?

Relevanz:
Es reicht aber auch nicht, sich darüber zu einigen, was relevantes Wissen ist: Wir müssen auch wissen, wann es brauchbares Wissen ist. Es gibt Zeitfenster für die Anwendung von Wissen. In weiser Voraussicht erfanden die Griechen dafür Kairos, den Gott des günstigen Augenblicks. Aber was tun wir, wenn wir uns nicht an ihn wenden wollen?

Interaktion: Neue Arbeitsformen wie virtuelle Teams und Remote Management führen dazu, dass sich die Protagonisten häufig nicht mehr persönlich kennen und doch zusammen arbeiten sollen. Was wissen sie übereinander? In welche Kompetenzen der Kollegen können sie vertrauen? Und vor welchen Problemen müssen sie sich hüten?

Diese Punkte verdeutlichen meiner Meinung nach den ungefähren Umfang der Probleme und Aufgaben, die zukünftig durch Nichtwissen entstehen werden. Andererseits kann diese ohnehin vorhandene Komplexität noch dadurch angereichert werden, dass wir Nichtwissen auch als Ressource wahrnehmen.

Nichtwissen als Ressource
In einer eigenen Studie befragte ich die Geschäftsführer drei ver- schiedener Unternehmen zum Thema Nichtwissen. Erstaunlicherweise ergab sich bei allen, dass Nichtwissen auch als Ressource wahr- genommen wird. „Wie das?“, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Ein Beispiel soll reichen (die Studie wird im Frühjahr 2007 in meinem neuen Buch „Keine Ahnung!? Nichtwissen in Unternehmen“ veröffentlicht): Ein Softwareentwickler bietet Auszubildenden eine wöchentliche Frage- runde an, in denen diese die konstruktive Lernkultur der Firma nutzen können. So wird Nichtwissen zum Vehikel für Networking.

Was meinen Sie zum Thema Nichtwissen? Ich freue mich über Ihre Kommentare.

Herzlich,

Andreas Zeuch

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