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Artikel der Kategorie April, 2006

Intuition querbeet

April 04, 2006 Von: blog-zeuch Kategorie: Intuition Noch keine Kommentare →

Vor kurzem fand ich im Spiegel Online den Artikel „Winkelzüge für Profis“ über die Spieltheorie in der Wirtschaftswelt. Dort kann man unter anderem folgendes lesen: „Allerdings handeln Menschen mitnichten so, wie es die Modelle der Spieltheorie als Optimum vorgeben. Ständig funken scheinbar irrationale Verhaltensweisen dazwischen.“ Ein paar Abschnitte später berichtete der Autor Michael Leitl vom Harvard Businessmanager, dass zwei Professoren tatsächlich an der Theorie des allseits egoistischen und vor allem hundertprozentig rationalen Homo Oeconomicus zweifeln würden – und einen Alternativentwurf suchen.

Illusion Homo oeconomicus
Immerhin, mittlerweile wird Kritik an diesem idealtypischen Menschenverständnis auch in wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten laut. Verwunderlich daran scheint mir jedoch, mit welcher Hartnäckigkeit das Offensichtliche bislang ignoriert wurde: Menschen agieren nicht rational, auch nicht in wirtschaftlichen Kontexten. Reinhard Sprenger brachte das in seiner typischen Weise etwa folgendermaßen auf den Punkt: „Es ist doch schon lange klar, dass Unternehmen kein Hort betriebswirtschaftlicher Rationalität sind.“ Mit anderen Worten: Wenn wir uns und unsere Mitmenschen (selbst-)kritisch beobachten würden, könnten wir nur zu einem Ergebnis kommen: Der Homo oeconomicus ist eine lächerliche Illusion. Und selbst wenn er sich noch so bemühen würde, seine Emotionen und Irrationalitäten auszusperren, sie kämen doch nur durch die Hintertür des Lebens wieder rein: Ein Entrinnen vor Emotionen, Irrationalitäten, Zufällen – und Intuition – ist nicht möglich. Last call for Passenger Faber.

Klischee “Aus dem Bauch gegen die Wand”
Intuition ist also auch ein zentraler Bestandteil ökonomischer Professionalität: Entscheidungen und Handlungen im Management werden nicht unter Ausschluss unserer Gefühlswelt und unserer nebulösen Intuition getroffen. Dass dem so ist, scheint sich langsam herumzusprechen. Aber meist wird dies noch als Defizit betrachtet, wie ein wunderbar polemischer Titel des Schweizer Managementexperten Prof. Dr. Malik illustriert: „Aus dem Bauch gegen die Wand.“ (Handelsblatt vom 26.10.2001, K3) Oder wie der Bielefelder Soziologieprofessor Helmut Willke schreibt: „Wenn empirisch hinreichend belegt wäre, dass die Brauchbarkeit organisationaler Strategie und Projekte weniger vom „Bauchgefühl“ von Vorständen und charismatischen Führern abhängt als von der vernetzten Expertise von Wissensarbeitern, dann müsste die hierarchische Grundstruktur der Organisationslogik der Industriegesellschaft ins Wanken geraten.“ (Willke 2002: 142) Intuition wird zur Fehlerquelle oder mikropolitischer Egozentrik reduziert und es bleibt nicht allzu viel Gutes an ihr. Im Falle von Willke darf man sich noch fragen, wie er die hinreichend belegte wissenschaftliche Erkenntnis verarbeitet, dass gerade Expertise in besonderem Zusammenhang zu Intuition steht. Je größer die Expertise, desto intuitiver die (Selbst-)Steuerung! Wir hätten es also genaugenommen mit einem Netzwerk von intuitiven Experten zu tun. Meines Erachtens würde diese Einsicht die viel fundamentalere Wandlung nach sich ziehen. Dazu werde ich mich in diesem Blog ausführlich äußern.

Neben dieser Kritik an Intuition im Business gibt es einiges, was sie leisten kann und was von manchem offensichtlich nicht gesehen oder verschwiegen wird. Hier ein paar Anwendungsfelder – so wie ich sie bis vor kurzem aufführte, seit 2009 sehe ich das etwas anders…:

Anpassungsintelligenz und Flexibilität: Führungskräfte müssen auf die immer schnelleren Veränderungen Ihrer Umwelt zu reagieren. Aber wie hilfreich sind die bereits vorhandenen Steuerungsinstrumente dafür?

Beziehungsmanagement: Kommunikation sollte erfolgreich und motivierend gestaltet werden. Aber wie ist das möglich? Reicht es, rhetorische Techniken abzuhaken?

Entscheidungsfindung: Manager müssen täglich Entscheidungen treffen. Aber was tun sie, wenn sie zu wenige oder zu viele Informationen haben? Werfen Sie eine Münze? Oder hören sie lieber auf ihr professionelles Gefühl?

Geschäftsinstinkt: Unternehmer, Manager und Führungskräfte müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Die Griechen erfanden dafür den Gott Kairos – aber hilft der Ihnen?

Innovation: Hier hilft ein Blick in die Kunst: Wie kam es zu der enormen Kreativität von Mozart, Picasso oder Einstein? Nutzten sie Kreativitätstechniken oder waren sie vielmehr intuitive Meister ihres Fachs, die Ihr Handwerk beherrschten und daraus schöpften? Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang „Sinn“ und „Wahrhaftigkeit“?

Verkauf und Vertrieb: Produkte müssen an die Kunden gebracht werden. Aber wie steigern die Verantwortlichen ihren Absatz, wenn sie schon alle Verkaufstechniken kennen, aber trotzdem mit Kunden Probleme haben? Besuchen sie noch mehr und noch teurere Sales-Trainings?

Wissensmanagement: In unserer Wissensgesellschaft ist das Management von Wissen zu einer zentralen Aufgabe geworden. Neben vielen Fragen sticht eine besonders hervor: Wie transferiert man implizites Wissen von einer Person zu anderen, z.B. im Fall von ausscheidenden, langjährigen Mitarbeitern?

Zukunftsgestaltung: Da aufgrund der Globalisierung Märkte immer komplexer und dynamischer werden, spielt die Zukunftsgestaltung eine zunehmend wichtigere Rolle. Wie können sich Top-Manager auf ihre unternehmerische Zukunft vorbereiten, wo doch Zukunft prinzipiell nicht wissbar ist?

Dies sind sicherlich wichtige aber vermutlich noch nicht alle Aufgabenfelder, in denen Intuition als professionelle Kompetenz hilfreich sein kann. Wir befinden uns erst am Anfang dieser Entwicklung und dürfen gespannt sein, was noch folgt.

Herzliche Grüße aus Heidelberg

Andreas Zeuch

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  • Malik, F. (2001): Aus dem Bauch – gegen die Wand. Handelsblatt, 26.10.201, K3
  • Willke, H. (2002): Dystopia. Studien zur Krisis des Wissens in der modernen Gesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp

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