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Artikel der Kategorie Juni, 2006

Mit dem Bauch sehen: Intuition in der deutschen Medizin

Juni 28, 2006 Von: blog-zeuch Kategorie: Intuition 1 Kommentar →

Im Juni war ich in einem Krankenhaus und habe mit Führungskräften aus der Pflege ein Intuitionstraining durchgeführt. Die Bedeutung der Fortbildung für die Arbeit wurde anschließend folgendermaßen bewertet, wobei die Skala von „sehr wichtig“ über „wichtig“ und „weniger wichtig“ bis zu „unwichtig“ reichte: 57% befanden die Veranstaltung als „sehr wichtig“ und 43% als „wichtig“. Niemand beurteilte die Arbeit an der eigenen professionellen Intuition für weniger oder gar unwichtig. Weiterempfehlen würden die Fortbildung 85%. Die verbleibenden 15% würden die Fortbildung lediglich deshalb eingeschränkt weiterempfehlen, weil sie zu kurz gewesen sei.

Die Kunst des Sehens
Diese Bewertungen scheinen mir zu einem kleinen Artikel zu passen, der vor kurzem im Spiegel Nr. 24 / 2006 vom 12. Juni zu lesen war: „Die Kunst des Sehens“ von Gerald Traufetter. Dort ging es um die Schulung der Beobachtungsgabe bei New Yorker Medizinstudenten. Zweifelsohne ist Beobachtungsgabe im Kontakt mit Patienten, Angehörigen und den Kollegen aller Professionen für Ärzte und Pflegepersonal gleichermaßen wichtig. Wie Traufetter zu Recht feststellt, werden Medizinstudenten (und Pflegeschüler) von einer Flut an neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen überrollt, die keinen Platz mehr lässt, die intuitive Beobachtungsgabe zu schulen.

Deutschland hinkt mal wieder hinterher
Das führte dazu, dass die findigen Amerikaner uns Deutschen mal wieder einen Schritt voraus sind: Da wo wir stolz sein können, endlich das Konzept der Standardisierten Patienten zumindest an einigen deutschen Unis eingeführt zu haben, wird in Amerika bereits an Kunstwerken unter der Führung von Kunstpädagogen der intuitive Blick geschult. Ich weiß wovon ich rede: Von 2001 – 2003 hatte ich die Ehre, das erste deutsche Pflichtmodul „Medi-KIT“ zur Arzt-Patient-Kommunikation am Uniklinikum in Heidelberg mitzuentwickeln und in das Reformcurriculum HEICUMED miteinzuführen. Wir rekrutierten und trainierten Schauspieler, die Patienten auf standardisierte Art mit verschiedenen Krankheitsbildern in Unterricht und Prüfungen simulieren. Nur wer die Prüfung bestand, kam ins nächste Semester.

Intuition ist für deutsche Medizin-Fakultäten kein Thema
Die Intuition und deren Professionalisierung war jedoch auch in HEICUMED nie Thema. Viele andere deutsche medizinische Fakultäten ringen immer noch mit sich, ihren Lehrkomitees, den Finanzen und bürokratischer Viskosität, um überhaupt erst einmal das Thema Kommunikation zu professionalisieren. Intuition ist in deutschen Lehrplänen noch Lichtjahre entfernt davon, für wichtig befunden zu werden.

Blinde Flecken
Dies entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Schließlich müssten Ärzte am besten wissen, dass ihre Entscheidungen und Handlungen immer auch von ihren Emotionen und Intuitionen beeinflusst werden. Das Intuition dabei vor- und nachteilig ist, wird schon seit vielen Jahren in diversen medizinischen und pflegerischen Studien ausführlich dargestellt. Wir dürfen deshalb als Patienten gespannt sein, wann sich diese wissenschaftliche Erkenntnis auf die Lehrpläne durchschlägt. Oder wollen Sie lieber von Ärzten diagnostiziert und behandelt werden, die sich weder mit dem Potential noch den Risiken ihrer Intuition beschäftigt haben?

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Bullshit, Hartz IV und wie man mit Nichtwissen reich werden kann

Juni 25, 2006 Von: blog-zeuch Kategorie: Nichtwissen 1 Kommentar →

Kennen Sie Harry G. Frankfurt? Haben Sie zumindest schon mal etwas von seinem Welterfolgsbüchlein „Bullshit“ gehört? Nein? Es lohnt sich aber. Es lohnt sich vor allem, das Phänomen zu überdenken, über Nichtwissen in Form nichtssagenden Gelabers eine philosophische Untersuchung zu schreiben, die zum Kassenschlager wird. Frankfurter ist erstens in seiner Bezeichnung dessen, was wir alle tagtäglich an Unfug und kaschiertem Nichtwissen zu hören oder zu lesen bekommen, voll zuzustimmen. Zweitens ist er ein prima Beispiel, wie aus Nichtwissen auf kreative Weise Kapital erzeugt werden kann.

Politiker: Inkarnationen des Nichtwissens
Im Spiegel Nr. 24 / 2006 rezensierte Thomas Tuma auf unterhaltsame Weise Frankfurts Büchlein (S. 96-97). Dabei zitierte er einige treffende Beispiele aus der Politik. Politiker seien, so Tuma, a priori des Bullshits verdächtig. Wohl wahr, würde ich sagen. Natürlich gilt, wie immer, das Ausnahmen die Regel bestätigen. Es gibt auch Politiker, die ehrlich zugeben, mal etwas nicht zu wissen und das dies sogar ein zwingender Bestandteil berufspolitischer Arbeit ist. Ein ehrenwertes Beispiel ist MdB Sabine Bätzing, die seit Dezember 2005 als Drogenbeauftragte der Bundesregierung tätig ist. Bätzing gestand 2005 in einem Interview in der Zeit (Nr. 28 vom 07. Juli 2005, S. 51): „Das Eingeständnis, nicht alles wissen zu können, kommt ganz schnell“. Logisch. Irgendwie zwingend. Vor allem, wenn wir uns anschauen, wer welchen Ministerposten besetzt. So könnte man sich zum Beispiel fragen, was eine Sonderschulpädagogin qualifizierte, das Gesundheitswesen reformieren zu wollen?

Sabine Bätzing, MdB

Sabine Bätzing, MdB

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