Mit dem Bauch sehen: Intuition in der deutschen Medizin
Im Juni war ich in einem Krankenhaus und habe mit Führungskräften aus der Pflege ein Intuitionstraining durchgeführt. Die Bedeutung der Fortbildung für die Arbeit wurde anschließend folgendermaßen bewertet, wobei die Skala von „sehr wichtig“ über „wichtig“ und „weniger wichtig“ bis zu „unwichtig“ reichte: 57% befanden die Veranstaltung als „sehr wichtig“ und 43% als „wichtig“. Niemand beurteilte die Arbeit an der eigenen professionellen Intuition für weniger oder gar unwichtig. Weiterempfehlen würden die Fortbildung 85%. Die verbleibenden 15% würden die Fortbildung lediglich deshalb eingeschränkt weiterempfehlen, weil sie zu kurz gewesen sei.
Die Kunst des Sehens
Diese Bewertungen scheinen mir zu einem kleinen Artikel zu passen, der vor kurzem im Spiegel Nr. 24 / 2006 vom 12. Juni zu lesen war: „Die Kunst des Sehens“ von Gerald Traufetter. Dort ging es um die Schulung der Beobachtungsgabe bei New Yorker Medizinstudenten. Zweifelsohne ist Beobachtungsgabe im Kontakt mit Patienten, Angehörigen und den Kollegen aller Professionen für Ärzte und Pflegepersonal gleichermaßen wichtig. Wie Traufetter zu Recht feststellt, werden Medizinstudenten (und Pflegeschüler) von einer Flut an neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen überrollt, die keinen Platz mehr lässt, die intuitive Beobachtungsgabe zu schulen.
Deutschland hinkt mal wieder hinterher
Das führte dazu, dass die findigen Amerikaner uns Deutschen mal wieder einen Schritt voraus sind: Da wo wir stolz sein können, endlich das Konzept der Standardisierten Patienten zumindest an einigen deutschen Unis eingeführt zu haben, wird in Amerika bereits an Kunstwerken unter der Führung von Kunstpädagogen der intuitive Blick geschult. Ich weiß wovon ich rede: Von 2001 – 2003 hatte ich die Ehre, das erste deutsche Pflichtmodul „Medi-KIT“ zur Arzt-Patient-Kommunikation am Uniklinikum in Heidelberg mitzuentwickeln und in das Reformcurriculum HEICUMED miteinzuführen. Wir rekrutierten und trainierten Schauspieler, die Patienten auf standardisierte Art mit verschiedenen Krankheitsbildern in Unterricht und Prüfungen simulieren. Nur wer die Prüfung bestand, kam ins nächste Semester.
Intuition ist für deutsche Medizin-Fakultäten kein Thema
Die Intuition und deren Professionalisierung war jedoch auch in HEICUMED nie Thema. Viele andere deutsche medizinische Fakultäten ringen immer noch mit sich, ihren Lehrkomitees, den Finanzen und bürokratischer Viskosität, um überhaupt erst einmal das Thema Kommunikation zu professionalisieren. Intuition ist in deutschen Lehrplänen noch Lichtjahre entfernt davon, für wichtig befunden zu werden.

Blinde Flecken
Dies entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Schließlich müssten Ärzte am besten wissen, dass ihre Entscheidungen und Handlungen immer auch von ihren Emotionen und Intuitionen beeinflusst werden. Das Intuition dabei vor- und nachteilig ist, wird schon seit vielen Jahren in diversen medizinischen und pflegerischen Studien ausführlich dargestellt. Wir dürfen deshalb als Patienten gespannt sein, wann sich diese wissenschaftliche Erkenntnis auf die Lehrpläne durchschlägt. Oder wollen Sie lieber von Ärzten diagnostiziert und behandelt werden, die sich weder mit dem Potential noch den Risiken ihrer Intuition beschäftigt haben?










