Ich spiegele, also bin ich
Vor geraumer Zeit sprach mich eine Kollegin auf sogenannte „Spiegelneuronen“ an und fragte, ob ich etwas darüber wüsste. Damals ist mir noch nichts von derartigen Neuronen zu Ohren gekom- men und ich hatte eher den Eindruck, dass es sich um eine Erfindung ausgebuffter Esoteriker handelte. Weit gefehlt. „Spiegelneuronen“ basieren auf seriösen wissenschaftlichen Untersuchungen:
Affentheater
Das, was der italienische Neurologe Prof. Dr. Giacomo Rizzolatti mit seinem Team in den letzen Jahren unter dem Begriff „Spiegel- neuronen“ veröffentlicht hat, ist auch für das Thema Intuition von besonderer Bedeutung. Er und sein Team führten diverse Experimente durch, bei denen sich fundamentale neurologische Mechanismen von Einfühlung in Mitmenschen zeigten: Bei einem Affen, der einen Artgenossen beim Greifen nach Futter beobachtete, wurden dieselben Areale im Gehirn aktiviert, als wenn er selber aktiv wäre. Das war an sich schon verblüffend, aber es kommt noch besser. In einem ausgeklügelten weiteren Experiment hörte der beobachtende Affe im Dunkeln nur noch, wie sein Gegenüber das Futter aus knisterndem Papier auspackte. Er wusste (durch vorheriges Beobachten), dass das Geräusch mit dem Auspacken des Futters verbunden war. Selbst dieses Geräusch reichte aus, um die entsprechenden Hirnareale zu aktivieren. Letztendlich führte, diesmal wieder ohne Papier, nur die Andeutung der entsprechenden Bewegung vor einem Teilsichtschutz zur Stimulation der gleichen Hirnareale. (Literaturhinweis. Das Buch „Warum ich fühle, was du fühlst“ von Joachim Bauer finden Sie übri- gens auch im Rezensionsbereich dieses Blogs.)
Im täglichen Geschäft
So stellt sich die Frage: Was hat dieses „Affentheater“ mit Intuition im Business zu tun? Zunächst ist es ein weiterer Beleg und eine Erklärung für menschliches Einfühlungsvermögen. Es macht verständlich, warum wir bei unseren Mitmenschen etwas erahnen, was noch gar nicht passiert ist (was häufig zu mystischen Interpretationen führte). Aus meiner Sicht ist jedoch besonders entscheidend, dass wir automatisch spiegeln, uns also in andere Menschen hineinversetzen, ob wir wollen oder nicht. Wir haben einen neurologischen Mechanismus eingebaut, der Empathie selbstverständlich erscheinen lässt. Allerdings ist Empathie nicht angeboren. Wenn Spiegelneurone in der frühesten Kindheit nicht trainiert werden, führt dies zu einem Verlust der Empathie. Use it or lose it.

Durch diesen Automatismus wird des weiteren deutlich, dass Intuition – also in diesem Fall das Erahnen und Voraussehen – auch fehlgeleitet werden kann: Durch unsere Erfahrungen lernen wir, bestimmte Handlungen als Teil einer umfassenderen Handlung wahrzunehmen. Der Beginn einer Handlung kann aber auch zu einer anderen Handlung führen, als wir es gewohnt sind und damit erwarten. Wir kommen zu einer falschen Schlussfolgerung – und dass unbewusst in Bruchteilen von Sekunden.
In Teamsitzungen, Meetings, Mitarbeitergesprächen und ähnlichem mehr sind täglich unsere Spiegelneuronen aktiv und versetzen uns in unsere KollegInnen, Mitarbeiter oder Chefs. Dieser Automatismus ist Ressource und Problem gleichermaßen. Wir können ihn einfach geschehen lassen oder ihn aktiv zu unseren Gunsten professio- nalisieren. Das Ergebnis ist ein intensiviertes Einfühlungsvermögen, das in allen beruflichen Situationen produktiv genutzt werden kann.










