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Artikel der Kategorie September, 2006

Ich spiegele, also bin ich

September 07, 2006 Von: blog-zeuch Kategorie: Intuition 2 Kommentare →

Vor geraumer Zeit sprach mich eine Kollegin auf sogenannte „Spiegelneuronen“ an und fragte, ob ich etwas darüber wüsste. Damals ist mir noch nichts von derartigen Neuronen zu Ohren gekom- men und ich hatte eher den Eindruck, dass es sich um eine Erfindung ausgebuffter Esoteriker handelte. Weit gefehlt. „Spiegelneuronen“ basieren auf seriösen wissenschaftlichen Untersuchungen:

Affentheater
Das, was der italienische Neurologe Prof. Dr. Giacomo Rizzolatti mit seinem Team in den letzen Jahren unter dem Begriff „Spiegel- neuronen“ veröffentlicht hat, ist auch für das Thema Intuition von besonderer Bedeutung. Er und sein Team führten diverse Experimente durch, bei denen sich fundamentale neurologische Mechanismen von Einfühlung in Mitmenschen zeigten: Bei einem Affen, der einen Artgenossen beim Greifen nach Futter beobachtete, wurden dieselben Areale im Gehirn aktiviert, als wenn er selber aktiv wäre. Das war an sich schon verblüffend, aber es kommt noch besser. In einem ausgeklügelten weiteren Experiment hörte der beobachtende Affe im Dunkeln nur noch, wie sein Gegenüber das Futter aus knisterndem Papier auspackte. Er wusste (durch vorheriges Beobachten), dass das Geräusch mit dem Auspacken des Futters verbunden war. Selbst dieses Geräusch reichte aus, um die entsprechenden Hirnareale zu aktivieren. Letztendlich führte, diesmal wieder ohne Papier, nur die Andeutung der entsprechenden Bewegung vor einem Teilsichtschutz zur Stimulation der gleichen Hirnareale. (Literaturhinweis. Das Buch „Warum ich fühle, was du fühlst“ von Joachim Bauer finden Sie übri- gens auch im Rezensionsbereich dieses Blogs.)

Im täglichen Geschäft
So stellt sich die Frage: Was hat dieses „Affentheater“ mit Intuition im Business zu tun? Zunächst ist es ein weiterer Beleg und eine Erklärung für menschliches Einfühlungsvermögen. Es macht verständlich, warum wir bei unseren Mitmenschen etwas erahnen, was noch gar nicht passiert ist (was häufig zu mystischen Interpretationen führte). Aus meiner Sicht ist jedoch besonders entscheidend, dass wir automatisch spiegeln, uns also in andere Menschen hineinversetzen, ob wir wollen oder nicht. Wir haben einen neurologischen Mechanismus eingebaut, der Empathie selbstverständlich erscheinen lässt. Allerdings ist Empathie nicht angeboren. Wenn Spiegelneurone in der frühesten Kindheit nicht trainiert werden, führt dies zu einem Verlust der Empathie. Use it or lose it.

Durch diesen Automatismus wird des weiteren deutlich, dass Intuition – also in diesem Fall das Erahnen und Voraussehen – auch fehlgeleitet werden kann: Durch unsere Erfahrungen lernen wir, bestimmte Handlungen als Teil einer umfassenderen Handlung wahrzunehmen. Der Beginn einer Handlung kann aber auch zu einer anderen Handlung führen, als wir es gewohnt sind und damit erwarten. Wir kommen zu einer falschen Schlussfolgerung – und dass unbewusst in Bruchteilen von Sekunden.

In Teamsitzungen, Meetings, Mitarbeitergesprächen und ähnlichem mehr sind täglich unsere Spiegelneuronen aktiv und versetzen uns in unsere KollegInnen, Mitarbeiter oder Chefs. Dieser Automatismus ist Ressource und Problem gleichermaßen. Wir können ihn einfach geschehen lassen oder ihn aktiv zu unseren Gunsten professio- nalisieren. Das Ergebnis ist ein intensiviertes Einfühlungsvermögen, das in allen beruflichen Situationen produktiv genutzt werden kann.

Buchrezension “Warum ich fühle, was du fühlst”

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Ein Curriculum medizinischen Nichtwissens

September 06, 2006 Von: blog-zeuch Kategorie: Nichtwissen Noch keine Kommentare →

Wie schon bei meinem Beitrag „Mit dem Bauch sehen“ kommt einmal mehr ein innovativer Ansatz aus den USA: Diesmal zum Umgang mit Nichtwissen in der Medizin.

Nichtwissen als Leitgedanke
Die Medical School der Universität von Arizona veranstaltet ein „Curriculum on Medical Ignorance“ in Verbindung mit dem „Summer Institute on Medical Ignorance“. Ja, Sie haben richtig gelesen. Es handelt sich um keinen Scherz von mir, und damit Sie sich selbst überzeugen können, hier die entsprechenden Links:

In einem hoch wissensbasierten Tätigkeitsfeld wie der Medizin, in der selbst die einzelnen Fachdisziplinen wie Neurologie, Kardiologie und Pädiatrie durch die Fachärzte nicht mehr in ihrem gesamten Umfang gewusst werden können, entsteht permanent neues Nichtwissen. In der deutschen Medizin wird diese Tatsache bislang ignoriert. Nichtwissen wird aus der Agenda wichtiger Probleme ausgeblendet, so dass Nichtwissen über Nichtwissen mehr oder weniger aktiv erzeugt wird. Das es auch anders geht und Nichtwissen ein innovationsförderlicher Prozess werden kann, zeigen die Leiter des Curriculum on Medical Ignorance.

Nichtwissen wird zur Quelle von Innovationen
Am Anfang einer jeden neuen Entwicklung stehen Fragen und – etwas pathetischer formuliert – Erstaunen. Wissen, also Antworten, sind das Ergebnis und nicht der Ausgangspunkt. Wenn sich Pasteur nicht über die Pilzkulturen in seinen Reagenzgläsern gewundert hätte und sich nicht die richtigen Fragen gestellt hätte, hätten wir heute vermutlich nicht das Penicillin.

Deutscher Mangel
Das Medizinstudenten durch das Studium näherungsweise auf den jeweiligen Stand des Wissens gebracht werden, ist die Voraussetzung ihrer späteren ärztlichen Tätigkeit. Dazu dienen bei uns in Deutschland im Bereich von Faktenwissen vor allem Klausuren im Multiple Choice Verfahren: Auf eine Frage gibt es mehrere mögliche Antworten, wobei verschiedene Kombinationen richtig sein können. Eine Antwort, mehrere Antworten oder alle oder keine Antwort. Prozesswissen wird mittlerweile vorwiegend durch sogenannte „OSCE“-Prüfungen erhoben (Objective Clinical Structured Examination, die übrigens – welch Überraschung – ebenfalls aus dem anglo-amerikansichen Raum kommen). Was aber wird getan, damit die StudentInnen erstens lernen, mit ihrem zwangsläufig immer wieder auftauchenden Nichtwissen umzugehen und zweitens, um effektives Fragen zu erlernen? Die leidige Antwort: Bislang fast nichts. In kompetenzbezogenen Lehrveranstaltungen, beispielsweise zur Arzt-Patient-Kommunikation oder körperlichen Untersuchung, taucht Nichtwissen natürlich immer wieder auf, wird aber möglichst schnell durch entsprechende Antworten beseitigt. Nichtwissen als eigenständiges Phänomen wird nicht berücksichtigt. Die leitenden Fragen in den Doktorarbeiten sind häufig vom jeweiligen Doktorvater formuliert. Der sucht dann meist nur noch einen Studenten, um die Hausaufgabe zu erledigen, diese Fragen in prüfbare Hypothesen zu gießen und passende Methoden zu finden und durchzuführen.

Transfer in die Wirtschaft
Somit stellt das Curriculum on Medical Ignorance eine intelligente Lösung dar. Sie kann über die Problematik medizinischer Ausbildung hinaus auch für Unternehmen ein Vorbild im Umgang mit Nichtwissen sein. Denkbar wären zum Beispiel Communities of Practice, die das Nichtwissen einer Firma dauerhaft in einem angemessenen Rahmen thematisieren. Auf diese Weise könnte Nichtwissen ressourcenschonend durch ein selbstorganisiertes Verfahren bearbeitet werden. Diese regelmäßigen Veranstaltungen könnten durch punk- tuelle Nichtwissens-Konferenzen oder –Meetings ergänzt werden, in denen beispielsweise projektbezogenes Nichtwissen erörtert wird: Was ist relevantes, was irrelevantes Nichtwissen, welche Fragen sind leitend, was wurde übersehen? Wie würden Sie vorgehen?

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