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Artikel der Kategorie Dezember, 2006

Lohn der Polemik

Dezember 15, 2006 Von: blog-zeuch Kategorie: Intuition 7 Kommentare →

Offener Brief an Fredmund Malik

Lieber Herr Malik,

vor kurzem viel mir in der Bibliothek eines Kollegen Ihr Buch „Führen, Leisten, Leben“ auf. Spätestens seit Ihrem herzerfrischend polemischen Artikel „Aus dem Bauch – gegen die Wand“ in einer Ausgabe des Handelsblatts im Jahre 2001 ist mir Ihre Kritik an (all zu) intuitivem Management bekannt. Also blickte ich kurzerhand in das Register Ihres Buches und fand tatsächlich das Wort „Intuition“.

Da es sich – wie man an diesem Blog unschwer erkennen kann – um meine Profession handelt, Intuition kritisch im Kontext von Wirtschafts- und Arbeitsleben weiterzuentwickeln und zu reflektieren, kann ich mir einige Bemerkungen nicht verkneifen.

Das erste Mal taucht Intuition auf Seite 163 im Zusammenhang mit der Interaktion von Geist und Gehirn auf. Sie schreiben, dass dieses „Gebiet … wohl wegen seiner Faszination auch eines der beliebtesten Tummelfelder für pseudowissenschaftlichen Schwachsinn (ist).“ Ich stimme Ihnen aus tiefster Überzeugung zu – und frage mich gleichzeitig, ob der Schuss nicht daneben geht. Diejenigen, die da unangemessen herumphilosophieren und ihr Halbwissen verbreiten, brauchen wir doch gar nicht ernst zu nehmen. Und soo viel schlechte Literatur über Intuition im Business gibt es nun auch wieder nicht.

Auf Seite 205 werden Sie über Ihre vorherigen kernigen Bemerkungen hinaus dann etwas genauer: Sie räumen ein, dass es so „etwas wie Intuition und mit ihr verbunden ein starkes Gefühl der subjektiven Gewissheit“ gibt. Ich würde an dieser Stelle vorschlagen, noch präziser hin zu schauen. Die Intuition, die Sie beschrieben haben, ist nur eine von vielen möglichen Erscheinungsformen. Gerade eine professionalisierte Intuition kann nur als Hypothese und nicht als reflektorischer Instinkt verstanden werden, dessen wir uns sicher sein können.

Ein paar Zeilen weiter schreiben Sie, dass subjektive Gewissheit ein gefährlicher Ratgeber ist, denn sie kann genauso falsch wie richtig sein. Wohl wahr. Aber inwiefern unterscheidet sich von diesem Risiko eine verstandesgesteuerte Entscheidung, die bekanntermaßen ebenfalls häufig ins Desaster führt? Wenn Sie aus dieser Argumentation heraus fordern, dass sich Führungskräfte nicht auf Ihre Intuition verlassen dürfen, dann frage ich mich, wieso sie sich auf Fakten und logische Schlussfolgerungen verlassen sollen? Woher wissen wir, dass die Zahlen, Daten, Fakten, die wir zur Grundlage unserer logischen Operationen machen, korrekt sind? Und wie schließen wir mit Sicherheit einen logischen Trugschluss aus?

Besonders spannend wird es dann ab Seite 221f, wo Sie Ihren geneigten Lesern plötzlich raten, sich auf ihre innere Stimme zu verlassen. „Wenn aber meine innere Stimme deutlich sagt: „Hier stimmt etwas nicht“, würde ich jede Möglichkeit wahrnehmen, noch einmal von vorne zu beginnen.“ Ups, ich staune nicht schlecht. Das finde selbst ich ein wenig gewagt und arg allgemein formuliert. Plötzlich mangelt es Ihnen am kontextspezifischen Blick: Sie würden „jede“ Möglichkeit wahrnehmen – tatsächlich jede? Und das nur, weil Sie an die subjektive Gewissheit Ihrer Intuition glauben, die Sie gerade mal 17 Seiten vorher zu demontieren versuchten? Damit nicht genug: Sie würden auch gleich noch „von vorne“ beginnen. Warum dieser radikale Schritt? Wäre es nicht etwas umsichtiger (und professioneller), erst einmal genauer hinzuschauen: auf Ihre Intuition respektive innere Stimme und auf das, worauf sie sich bezieht? Irgendwie beißt sich diese Sicht mit Ihrer ein paar Zeilen später gegebenen Empfehlung „äußerster Zurückhaltung“.

In der Zukunft würden Sie mich überraschen, wenn Sie einen fundierteren und vor allem differenzierteren Blick auf Intuition in professionellen Kontexten werfen würden. Aus meiner Sicht ist das Thema zu komplex und vor allem zu bedeutsam (auch im Sinne intuitiver Fehlurteile), um es so ruck zuck abzuhandeln. Natürlich erwarte ich von Ihnen kein Grundlagenwerk über Intuition im Business, schließlich sind sie Management- und nicht Intuitionsexperte. Aber vielleicht etwas mehr Bescheidenheit über ein Thema, dass mehr ist, als eine Randnotiz.

Mit besten Grüßen nach St. Gallen
Andreas Zeuch

Hörtipp:
“Das Abenteuer Intuition” – Podcasts von Dr. Andreas Zeuch