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Artikel der Kategorie September, 2007

Top-Manager über Nichtwissen

September 25, 2007 Von: blog-zeuch Kategorie: Nichtwissen 2 Kommentare →

Liebe Leserin, lieber Leser!

Mit diesem Beitrag will ich Ihnen einige kurze Statements von Vorständen und Geschäftsführern bekannter deutscher Unternehmen vorstellen. Alle Zitate sind Ausschnitte aus umfassenderen Gesprächen die ich oder meine Kollegin Jutta Herzog mit diesen Managern führte und die Sie in meinem Buch „Management von Nichtwissen in Unternehmen” finden.

Sein Nichtwissen zu kaschieren, das gehört für mich eher auf die Schiene Verantwortungslosigkeit. Wenn jemand kaschiert, signalisiert er ja für mich, dass ich mit seinem Wissen rechnen, dass mit diesem Wissen auch die Arbeit getan werden kann. …
Es bedeutet, gemeinsam einen Umgang, eine Kultur zu entwickeln, in der es zu einer Selbstverständlichkeit wird, dass man nicht alles wissen muss, sondern dass es nur darum geht, ein Problem zu lösen oder eine Entscheidung zu finden – dass nur das wichtig ist. Und das ist etwas, was sich entwickeln muss unter den Menschen, die zusammenarbeiten.“
Dieter Brandes, Ex Geschäftsführer von Aldi Nord

Folgende Situation als Beispiel: In einer Qualitätsstandard- Beschreibung steht, dass die Aschenbecher im Hof spätestens dann gereinigt werden müssen, wenn drei Kippen drin sind. Sind nur zwei drin und es regnet, hat man in kürzester Zeit eine hässliche braune Sauce. Nach der Beschreibung ist alles okay, aber wenn der zuständige Mitarbeiter seinen Verstand nutzt, erkennt er den Handlungsbedarf. Für mich ist das, vorausschauen zu können, intuitives, situatives Handeln in Achtsamkeit. Wie im Zen. Mir ist einer lieber, der nicht weiß, aber wie beschrieben handelt, als einer, der die Organisationshandbücher auswendig kann.“
Klaus Kobjoll, Inhaber und Geschäftsführer der Schindlerhof GmbH

Die Gefahr ist: Je mehr Komplexität ich selbstverständlich erwarte in einer Unternehmenskultur und je weniger Gegengewicht ich in irgendeiner Form dagegen lege, desto höher ist der Impuls in der Organisation Nichtwissen in den Schattenbereich zu verdrängen. Wenn mein Vorstand von mir den selbstverständlichen Umgang mit einer hohen Komplexität verlangt, ohne das Thema Nichtwissen anzusprechen, sendet er an mich die Botschaft: Ich muss alles wissen, was damit zusammen hängt.“
Thomas Terhaar, Mitglied des Vorstands Deutsche Bank Bauspar AG

In der Wirtschaft spielt Nichtwissen eine große Rolle. Nehmen wir mal das Beispiel von Aktiengesellschaften. Eine Heerschar von Spekulanten beschäftigt sich damit, den Raum des Nichtwissens durch Trends und meist psychologische Faktoren auszufüllen, die den Aktienkurs und somit indirekt den Wert des Unternehmens bestimmen. Also ist das Spekulative, der Bereich des Nichtwissens in der Wirtschaft eine riesige Triebfeder.“
Thomas Ventzke, Ehemaliges Mitglied des Vorstands der Rolf Benz AG

Mit herzlichen Grüßen
Andreas Zeuch

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Zeitgeist Intuition

September 20, 2007 Von: blog-zeuch Kategorie: Intuition 2 Kommentare →

Liebe Leserin, lieber Leser!

In diesem Jahr geben sich diverse Autoren und Verlage zum Thema Intuition die Klinke in die Hand: „Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft“ des Journalisten Bas Kast, „Bauchentscheidungen“ des Psychologieprofessors Gerd Gigerenzer, „Sorge dich nicht, denke!“ im Spiegel Nr. 37/2007, „Die Anatomie des Irrtums“ im Spiegel Nr. 38/2007 (gleich zwei Artikel in Folge!), „Mal Intuition, mal Strategie“ im Fokus 30/2007 – was bleibt einem da noch übrig, als Intuition für ein Zeitgeist-Thema zu halten?

Ich frage mich: Was führt dazu, dass Intuition aus seinem Schattendasein heraustritt und besonders in den letzten beiden Jahren öfter in großen Verlagen und Magazinen (relativ) seriös behandelt wird? Der „Bauch“ als Standardsymbol menschlicher Intuition wird salonfähig und zunehmend häufiger enthüllt.

Was in den Artikeln und Büchern zu lesen ist, erklärt indes nicht das steigende Interesse (und auch so Manches des Sujets selbst nicht, aber das ist eine andere Geschichte…). Ist es einfach nur Eigendynamik? Ist es ein Zug, der ungeplant langsam in Fahrt kam und nun wollen viele aufspringen und mit auf die Reise gehen, warum auch immer? Oder ist es ein erstes Anzeichen dafür, dass allmählich auch die gesellschaftliche Bedeutung von Intuition ins Wirken kommt? Oder ist das alles – ich mag es kaum glauben – nur simpler Zufall?

Meine Annahme lautet wie folgt: Wir verlieren allmählich den Glauben an eine verstandesgesteuerte Welt, in der das Morgen eine geplante Ableitung aus dem Gestern und Heute ist. Wir sind Kinder der Aufklärung und haben das Primat des Verstandes verinnerlicht. In der Folge haben wir unsere Gefühle und eben auch unsere Intuition vernachlässigt. Wir bilden jahrelang unseren Verstand aus, aber unserer Intuition lassen wir diese Wertschätzung nicht zukommen. Da entstand ein enormes Defizit, was in unserer hyperkomplexen Wissensgesellschaft allmählich zur drängenden Frage wird: Was tun, wenn wir nicht genug wissen – oder, was viel häufiger zu Regel werden wird – wenn wir viel zu viele Informationen verarbeiten müssen?

Unsicherheit und Nichtwissen sind der Boden, auf dem wir zukünftig laufen lernen müssen. Und da hilft der Verstand nicht weiter; da hilft kein Faktenwissen, wie wir es immer noch vorwiegend in der Schule und auf dem weiteren Bildungsweg lernen. Wir brauchen Souveränität beim Steuern durch dichten Nebel. Wir brauchen gewissermaßen ein menschliches Radar, das uns den Weg weist, zwischen der Scylla des Nichtwissens und der Charibdis des Information-Overload.

Besonders dramatisch zeigt sich dies vor allem im Beruf. In der Medizin kommen die Ärzte in ihren Fachdisziplinen kaum noch hinterher, zu schnell entsteht zu viel neues Wissen. Es wächst exponentiell. Wie sie aber mit ihrem Nichtwissen umgehen sollen, wird nicht nur nicht vermittelt, nein, es wird in den Fakultäten nicht einmal systematisch thematisiert sondern ignoriert (eine besonders dümmliche Form des Nichtwissens). Die einzige mir bekannte Ausnahme bildet die Medical School der University of Arizona mit ihrem „Curriculum on medical ignorance”. Noch viel weniger wird in der Ausbildung über ärztliche Intuition gesprochen. Und folgerichtig wird Intuition auch nicht als wichtige professionelle Fähigkeit wahrgenommen. Im Management sieht es nicht viel anders aus. Da gibt es zwar schon einige Akademien, die Intuitions-Trainings anbieten oder es gerne wollen, aber das ist nicht mehr als ein exotischer Tropfen auf den heißen Stein unseres täglichen Aufklärungsdefizits.

Zum Ausgleich scheint es ein kollektives intuitives Bedürfnis nach Intuition im Privaten zu geben. Das, so könnte man meinen, zeigt sich in den auffällig häufigen neuen Publikationen, die schließlich nicht aufs Professionelle fokussieren. Intuition wird da im Allgemeinen thematisiert (mit einigen Ausnahmen: Gigerenzer beschäftigt sich beispielsweise mit ärztlicher Intuition, reduziert sie aber auf den Einsatz von Faustregeln). Anders sieht es auf dem anglo-amerikanischen Buchmarkt aus, da widmen sich auch diverse AutorInnen ausführlich der professionellen Intuition. Sollte also eine weitere Zeitgeist-Welle aus Amerika zu uns rüberschwappen? Wie dem auch sei. Intuition ist hip. Fragt sich nur, wann sie wieder der aus der Mode kommt.

Mit herzlichen Grüßen

Andreas Zeuch

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