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Artikel der Kategorie Mai, 2008

Warren Buffett über Nichtwissen

Mai 27, 2008 Von: blog-zeuch Kategorie: Nichtwissen 1 Kommentar →

Liebe Leserin, lieber Leser!

Heute las ich im Zug im neuesten Spiegel (22/2008) ein Interview mit dem wohl weltweit erfolgreichsten Investor Warren Buffett. Nicht nur sein Vermögen von rund 62 Milliarden Dollar, sondern auch das unglaubliche Wachstum seiner Holding Berkshire Hathaway von 184.228% in 32 Jahren spricht für seine wirtschaftlichen Kenntnisse und sein Gespür für erfolgreiche Investitionen.

Interessanterweise bescheidet sich Buffett gleich in der ersten Antwort: „Nun, ich bin kein Wirtschaftsexperte. Ich könnte kein Geld damit verdienen, den Verlauf der Wirtschaft für ein halbes oder ganzes Jahr vorherzusagen.“ (Spiegel 22/2008, S. 92). Vermutlich ginge es manchen Unternehmen und Ländern besser, wenn die Verantwortlichen ihrerseits nicht glauben würden, solche Voraussagen treffen zu können.


Warren Buffett

Ein paar Absätze weiter entwickelt sich folgende Sequenz zwischen Buffett und den Spiegel-Journalisten über den Derivatehandel:

Buffett: „… Zudem sind solche Konstrukte dermaßen kompliziert, dass sie von kaum jemandem noch verstanden werden.“

Spiegel: „Selbst die Banker blicken nicht mehr durch“

Buffett: „Sie brauten ein Giftgetränk und mussten es am Ende selber trinken.“

Spiegel: „Wie lassen sich solche Finanzinstrumente kontrollieren?“

Buffett: „Das ist das Problem: Sie können so etwas nicht mehr steuern, nicht mehr regulieren. Das hat sich verselbstständigt. Den Geist bekommt man nicht zurück in die Flasche.“ (S. 92)

Dies scheint mir eine eindeutige Absage an zu komplexe Finanzinstrumente und ein klares Votum für nachvollziehbare Mechanismen und Firmenpolitik. Denn Buffett sagt über die Unternehmen, die er kaufen möchte: „Wir suchen große, gut geführte Unternehmen, die wir auf Anhieb verstehen.“ (S. 94).

Buffetts Erfolg ist mehr als nur ein ethisches Argument gegen unverständliche und gierig anmutende Spekulationen und Investitionen, wie Münteferings populistische Formulierung der „Heuschrecken“ (der Vergleich mit Ungeziefer ist übrigens fragwürdig, hat er doch eine traurige Vergangenheit in der Nazi-Zeit – und das von einem Sozialisten…). Buffets Haltung und sein Vorgehen sind vor allem auch wirtschaftlich überzeugend.

Herzliche Grüße
Andreas Zeuch

Unser Nichtwissen ist größer, als wir glauben

Mai 16, 2008 Von: blog-zeuch Kategorie: Nichtwissen 2 Kommentare →

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Haben Sie ein Handy? Vemutlich. Wissen sie, wie es funktioniert? Oder der Motor Ihres Autos, oder, einfacher, ihr Festnetz-Telefon? Wenn Sie jetzt frank und frei sagen (und zwar nicht nur, während Sie alleine vor ihrem Bildschirm sitzen und diese Zeilen lesen): “Nein, keine Ahnung.” – Dann gehören Sie zu einer Minderheit.

Die meisten Menschen sind davon überzeugt, dass ihr Verständnis von komplizierten oder sogar komplexen Zusammenhängen viel weiter reicht, als es tatsächlich der Fall ist. Dieses Phänomen untersucht der amerikanische Entwicklungspsychologe Frank Keil von der Yale University. Er nennt es die “Illusion of Explanatory Depth”, die Illusion der Erklärungstiefe.

Im Normalfall ist das kein Problem. Höchstens etwas peinlich, wie sich da die meisten Menschen überschätzen (warum eigentlich?). Allerdings wird es sehr wohl zum Problem, wenn sich Menschen im Rahmen ihres beruflichen Handelns ebenfalls für schlauer halten, als sie es tatsächlich sind. Der Bamberger Psychologe Dietrich Dörner hat dies untersucht:

In Computersimulationen hat er Manager eine virtuelle Schokoladenfabrik leiten lassen. Solange alles im grünen Bereich und nach bekannten Spielregeln läuft, schlagen sich die Manager ganz tapfer, auch mit Modellen, die nicht allzuviel mit der Realität zu tun haben. Anders aber, wenn unvorhergesehene Ereignisse eintreten. Wenn “Kunden nur noch Bio-Schokoloade mögen, erstarren sie in Hilflosigkeit, anstatt die Firma den neuen Bedingungen anzupassen”, so Dörner.

Wir sind also noch weit entfernt, von der nicht so besonders überwältigenden Einsicht, dass wir viel weniger wissen, als wir glauben. Bescheidenheit tut not, ist aber noch in den meisten Köpfen ein Fremdwort. Indes ist es aus meiner Sicht ein zentraler Bestandteil einer konstruktiven Kultur des Nichtwissens, für die ich plädiere.

Herzliche Grüße
Andreas Zeuch

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