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Artikel der Kategorie August, 2008

Intuition als Methode? Weit gefehlt!

August 28, 2008 Von: blog-zeuch Kategorie: Intuition 3 Kommentare →

Liebe Leserinnen und liebe Leser!

Vor kurzem wies mich ein Kollege darauf hin, dass es in Gabals “Großem Methodenkoffer” einen Artikel über Intuition als Arbeitsmethode gäbe. Natürlich kaufte ich mir dieses Buch sofort, um herauszufinden, was der Autor Walter Simon zu sagen hatte. (Simon, W. (2007): Gabals großer Methodenkoffer. Grundlagen der Arbeitsorganisation. Offenbach: Gabal)

buchcover

Nach ein paar allgemeinen Hinweisen, dass Intuition eine wichtige Ergänzung zu unserem Verstand sei, kam Simon dazu, Intuition tatsächlich als Arbeitsmethodik zu beschreiben. Wie das dann im Detail funktionieren soll, bleibt er dem Leser allerdings schuldig. Darüber hinaus wundere ich mich, Intuition in einen Methodenkoffer aufzunehmen:

Denn nach meinem Begriffsverständnis und auch dem des Duden, Bd. 5, bedeutet Methode „ein auf einem Regelsystem aufbauendes Verfahren, das zur Erlangung von (wissenschaftlichen) Erkenntnissen oder praktischen Ergebnissen dient; 2. planmäßiges Vorgehen.“ (S. 497) Und dieses Verfahren etc. kann man nicht nur beherrschen, sondern man sollte es sogar, wenn man eine besonders gute Arbeitsqualität erreichen will.

Mit anderen Worte: eine Methode kann man (einfach) erlernen, es ist immer eine irgendwie geartete Technologie, die dann – wenn man sie idealerweise fast vollkommen beherrscht – einfach abgerufen werden kann. Sie steht dem Meister der Methode jederzeit zur Verfügung (vielleicht abgesehen von mehr oder weniger schweren Ausfällen, beispielsweise einer besonders heftig durchzechten Nacht ;-) .

Und genau das ist der Unterschied: Intuition lässt sich zwar nachweislich trainieren und in ihrer Qualität deutlich verbessern. Das heißt: Weniger intuitive Trugschlüsse und mehr intuitive Treffer und eine zieldienlichere Kommunikation intuitiver Einsichten. Aber eines lässt sich sicher nicht erreichen: Die Kontrolle über diese menschliche Grundfunktion. Selbst im ressourcevollsten Zustand gibt es keine Garantie, dass man oder frau eine glorreiche Intuition hat und die gesuchte Lösung, Antwort oder was auch immer findet.

Eben dieser Unterschied ist es, warum Intuition insbesondere im Management und in der Wirtschaft im Allgemeinen immer noch nicht wirklich Ernst genommen wird: Sie entzieht sich der Kontrolle und Vorhersagbarkeit, den zentralen Paradigmen der Wirtschaft.

Herzliche Grüße
Andreas Zeuch

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Nichtwissen als Zivilisationsmotor

August 04, 2008 Von: blog-zeuch Kategorie: Nichtwissen Noch keine Kommentare →

Liebe Leserin, lieber Leser!

Wenn Sie diesen Text lesen, sitzen Sie höchstwahrscheinlich gerade vor einem Computer. Diesen Computer würden Sie wahrscheinlich gerne so manches mal zertrümmern wollen, aber würden Sie ohne ihn auskommen? Sie vielleicht. Aber unsere Gesellschaft nicht mehr – denken Sie beispielsweise nur an die Ampelanlagen, die unmöglich von Hand gesteuert werden können. Sollten Sie jetzt denken: „Ich bin nicht begeistert von meinem Computer.“ – OK. Dann schauen Sie mal auf andere Technologien:

Fortbewegungsmittel: Autos, Motorräder, Züge, Busse, Flugzeuge, Schiffe, Fahrräder… Medizintechnik: Röntgengeräte, Magnetresonanztumographie, Ultraschallgeräte, Laserskalpelle… Haushaltsgeräte: Kühlschränke, Herde, Mixer, Toaster… Unterhaltungselektronik: Fernseher, Hi-Fi Anlagen, MP3-Player…

Ich denke das reicht, um zu verdeutlichen: Wir leben ein deutlich komfortableres Leben mit einer erheblich längeren Lebenserwartung und -qualität als vor 200 oder mehr Jahren. Und das verdanken wir auch diesen Technologien. Vielleicht nicht einem neuen Videospiel, aber sicherlich anderen, fundamentaleren Techniken wie Stromerzeugung, Verbrennungsmotoren oder solchen, die unserer medizinischen Versorgung eingesetzt werden.

Was war die Voraussetzung für all diese Techniken? Know-How werden Sie jetzt vielleicht denken. Ja, das ist richtig. Aber was ging diesem Know-How voraus? Im Allgemeinen sind dies Fragen gewesen, ein Staunen, sich wundern, nicht wahr haben wollen, kurz: ein Nichtwissen.

Harrison Owen, der Erfinder der Großgruppenmethode Open Space, hat in seinem Artikel für mein Buch „Management von Nichtwissen in Unternehmen“ eine kurze Geschichte dazu erzählt:

In den frühen 1960ern fand ich mich an der John Hopkins University wieder, einer Zitadelle des Lernens und Wissens. In dieser Zeit war ich privilegiert, einen der führenden Genetiker zu treffen und kennen zu lernen: Bentley Glass. … was mir am besten in Erinnerung blieb, war seine Leidenschaft für das Fragen. An einem winterlichen Tag wendete sich unsere Unterhaltung seiner Arbeit zu und dem, wie er das tat, was er tat. Offenherzig sagte er: „Eine große Entdeckung zu machen ist aufregend, wenn auch nur deshalb, weil sie unser Wissen erweitert. Wir belohnen Leute für solche Entdeckungen. Aber für mich liegt die wirkliche Leidenschaft in der Frage. Die Antwort zu bekommen ist einfach, wenn du nur die richtige Frage gestellt hast. Ich habe immer gedacht, dass wir Nobelpreise für Spitzenfragen haben sollten.“ (S. 152).

In diesem Sinne ist unser intelligent genutztes Nichtwissen der Motor unserer Zivilisation. Und umso bedenklicher ist es, dass Nichtwissen an allen Ecken unserer Wissensgesellschaft (!) ignoriert, vertuscht und stigmatisiert wird. Wenn wir dieses Verhalten konsequent zu Ende denken, werden wir im Eiltempo unsere Zivilisation zu Grunde richten.

Herzliche Grüße
Andreas Zeuch

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