Artikel der Kategorie September, 2008
Beschleunigtes Nichtwissen
Liebe Leserin, lieber Leser,
heute wird der mittlerweile berühmt gewordene Teilchenbeschleuniger LHC (Large Hadron Collider) am europäischen Laboratorium für Teilchenphysik Cern in Betrieb genommen.

Insgesamt wurden satte 6 Milliarden Euro investiert, um die größte je gebaute Maschine zu realisieren. Über diesen wirtschaftlichen Superlativ hinaus verleitet dieses Gerät diverse Leute zu wilden Spekulationen. Zum Beispiel, dass durch die absichtlich erzeugten Kollisionen schwarze Löcher erzeugt werden könnten, die dann im Anschluss unseren zarten blauen Planeten verschlucken.
Quatsch, sagen die einen, wie zum Beispiel der Physiknobelpreisträger David Gross. Denn dann hätte es schon längst dazu kommen müssen, weil im uns umgebenden Universum ständig irgendwelche kosmischen Teilchen kollidieren.
Die anderen bleiben bei ihrer Sorge und wollen, wie der Biochemiker Otto Rössler, gar die Versuche gerichtlich verbieten lassen.

Fakt ist: Es werden ungeheure Datenmassen produziert, die selbst nach Ausschluss von vermutlich irrelevanten Daten immer noch, wie in der nzz online heute zu lesen ist, rund 100.000 DVDs füllen würden – und zwar jährlich! Das wird dann ein wahres Vergnügen, sich durch diese Daten hindurchzuwühlen, um das Nichtwissen, was da an weiterführenden Informationen versteckt sein mag, in Wissen zu transformieren.
Und noch ein Fakt: Der Teilchenbeschleuniger scheint sehr inspirierend zu sein. Der Google-Grafiker hat sich folgendermaßen anregen lassen:

Google Grafik LHC
Desweiteren fühlen sich nicht nur Autoren bemüßigt, Romane zu schreiben, die irgend etwas mit dem LHC zu tun haben, sondern die dort arbeitenden Physiker selbst werden musisch kreativ. Es existiert eine regelrechte und die wohl einzige wortwörtliche Subkultur. Hier der LHC Rap von Alpinekat, der Wissenschaftsjournalistin Kathrin McAlpine:
Aber damit nicht genug. Die PhysikerInnen weisen ein enormes stilistisches Spektrum auf. Als Kontrapunkt hier der wunderbare Song “LHC Collider” der “Les Horribles Cernettes” mit vielsagenden Zeilen á la:
“You don’t go out with other girls eiter
wah wah wah wab – you only love your collider.”
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch
Ein Fall von Nichtwissen (1): Wennemer und die mathematische Sicht
Liebe Leserin, lieber Leser!
Viele von Ihnen wissen es es: Die Continental AG ist von der Schaeffler-Gruppe übernommen worden. Der Vorstandsvorsitzende Manfred Wennemer wurde durch die verdeckte Übernahmestrategie von Maria-Elisabeth Schaeffler offensichtlich auf dem linken Fuß erwischt. Er ahnte nichts in dieser Richtung.
Wennemer war intern und extern bekannt dafür, mathematisch nüchtern zu denken und zu handeln. Dies war einerseits sympathisch, nämlich da, wo Wennemer auf die für Top-Manager oft typische Lust auf Statussymbole verzichtete. Ihm reichte beispielsweise ein nicht mehr ganz taufrischer VW Passat als Firmenwagen, wo doch sonst nichts unter Mercedes S-Klasse, BMW 7er oder Audi A8 läuft.

Manfred Wennemer auf der jährlichen Pressekonferenz 2008
Andererseits schien Wennemer nicht besonders empathisch beim Umgang mit seinem Personal, was sich auch in einer klaren Strategie von Stellenabbau zeigte. Auf diese Weise führte Wennemer die Continental AG in die schwarzen Zahlen und machte das Unternehmen profitabel, aber richtig sympathisch war er dennoch nicht.
Ob die Übernahme von Siemens VDO und damit die ungefähre Verdoppelung der weltweiten Mitarbeiteranzahl ein wirklich logischer und nachhaltiger Schritt war, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Wenn man indes davon ausgeht, dass – bei vorsichtigen Schätzungen – mindestens zwei Drittel aller Fusionen glorreich scheitern, dann bleiben eine Menge Fragen offen.
Nun aber kam es zu einer wirklich überraschenden Wendung im Schicksal von Herrn Wennemer und der Continental AG. Keiner hatte damit gerechnet, alle waren überrascht. Zumindest die, die in die übliche Richtung schielten: Groß frisst klein. Herr Wennemer ist ein weiterer Fall von Nichtwissen. Vielleicht hätte dem kühlen Mathematiker eine Prise Intuition geholfen. Vielleicht hatte ja Frau Schaeffler Ihre ungewöhnliche Idee plötzlich beim Joggen oder unter der Dusche. So oder so. Danke für dieses schöne Lehrstück an Überraschung!
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch









