Buchrezension (1): Projektdynamik. 2010 von Peter Addor
Liebe Leserin, lieber Leser!
Projekte scheitern. Und zwar öfter, als sie erfolgreich sind: In 68 Prozent aller IT-Projekte werden Termine nicht eingehalten, die avisierten Qualitäten oder andere definierten Ziele nicht erreicht. Eine wichtige Ursache dafür liegt in der mangelnden Fähigkeit von Projektmanagern und insbesondere Projektleitern, mit der zunehmenden Projektdynamik angemessen umzugehen. Dieser Problematik hat sich der Mathematiker und European Senior Logistician Peter Addor angenommen. Er hat seit 1995 mit seiner Projektberatungsfirma Anchor Management Consulting AG viele, auch schwierige Migrations- und Integrationsprojekte in Industrie und Banken begleitet. 2010 legte er sein Buch “Projektdynamik. Komplexität im Alltag” vor.

Peter Addor
Addor warnt gleich zu Beginn: Wer eine Ferienlektüre suche, der möge das Buch wieder weglegen. Diesen Ratschlag kann ich sofort auf diesen Blogbeitrag ausweiten: Liebe Leser, surft bitte weiter (natürlich am liebsten auf meinem Blog), wenn Ihr auf der Suche nach leicht verdaulicher Kost über Projektmanagement seid. Wer indes selber denken will, der findet in diesem Buch viele wertvolle Anregungen.
Da ist zum Beispiel die Addorsche Unschärferelation. In Anlehnung an den Physiker Heisenberg formuliert Addor: “In Projekten gilt: Wenn Sie genau wissen, was Sie erreichen wollen, zu exakt welchem Preis und bis wann genau, dann werden Sie “unendlich” viel Unerwartetes antreffen und das Projekt wird Ihnen um die Ohren fliegen.” (S. 73). Das erfrischt. Denn gewöhnlich gelten als zwei der Hauptursachen für gescheiterte Projekte mangelnde Zielspezifikation und nicht ausreichende Anforderungskataloge.
Ebenso ungewöhnlich ist der immer wiederkehrende Gedanke, dass wir Komplexität weder reduzieren können noch sollten. Das das nicht geht, war bislang mein Hauptargument gegen diesen Nonsens. Denn wenn wir zum Beispiel Einflussvariablen bei einer Entscheidung ausblenden, sind sie deswegen in der Realität immer noch wirksam. Addor geht, für mich eine wichtige Lernlektion, einen Schritt weiter: Projekte leben von Komplexität, denn sie finden schließlich im Rahmen sozialer Systeme statt und die sind nun mal komplex. Durch die - wenn auch nur theoretisch mögliche Reduktion - würde man die eigentlichen Systemeigenschaften zerstören.
In engem Zusammenhang damit steht der Abschnitt “Planen versus Improvisieren”. Addor schreibt unter Bezug auf den Bremer Professor Uwe Schimank, ” …dass komplexe Projekte nicht geplant werden können. Nimmt die Komplexität zu, …. , dann nimmt die Fähigkeit zu rationalem Handeln linear ab. Die entsprechenden Handlungsalternativen… heißen dann… Improvisation.” (S. 185) Da kann ich nur noch nicken. Konsequenterweise findet sich dann auch ein Abschnitt über “Achtsamkeit im Projektmanagement”. Addor bezieht sich, wie könnte es anders sein, auf die Forschungsergebnisse über High-Reliability-Organizations von Karl Weick und Kathleen Sutcliffe und übersetzt sie ebenso kurz wie prägnant für Projektmanager und -leiter.
Wer die Bedeutung von Improvisation, Achtsamkeit und Zufällen fürs Projektmanagement herausarbeitet, der kommt nicht umhin, sich Gedanken über Intuition zu machen. Das hat mich natürlich ganz besonders gefreut. Im Prinzip. Allerdings gibts da doch die eine oder andere Ungereimtheit, die mir aufgefallen ist. Das Hemisphärenmodell zur Erklärung von Intuition war noch nie wissenschaftich fundiert. Und unser Unbewusstes mit Irrationalität gleichzutun ist nicht besonders rational: Wie können wir eine Entscheidung als irrational bezeichnen, wenn wir sie unbewusst getroffen haben und damit per Definition keine Aussage über die Inhalte unseres Unbewussten machen können?
Der einzige wirkliche Wermutstropfen ist aber etwas anderes: nämlich die Ausstattung des Buches und das Layout. Mir jedenfalls hat es die Freude am Lesen verhagelt. Irgendwie wirkt es nach Diplomarbeit oder Dissertation, die nun als ISBN fähiges Buch veröffentlicht ist. Wer Ästhet ist, kann beim Lesen zugleich seine Selbstdisziplin trainieren. Wem es egal ist, hat einen eindeutigen Vorteil.
Fazit: Ein Buch, das ebenso fordert wie fördert. Es kann Projektleitern und -managern gute Dienste leisten. Prädikat: Lesenswert.
Addor, P. (2010): Projektdynamik. Komplexität im Alltag. Verlag Liebig
Paperback, 342 Seiten. 48,50 CHF (ca. 35,00 €).
Das Buch ist direkt erhältlich bei Peter Addor. Es wird auch noch bei Amazon erscheinen.
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch
PS: Seit heute gibts die zweite Rezension zu meinem neuen Buch “Feel it!”: http://bit.ly/dgJ1OO










Juni 11th, 2010 at 1:24 pm
Hallo Andreas,
Der Gedanke “In Projekten gilt: Wenn Sie genau wissen, was Sie erreichen wollen, zu exakt welchem Preis und bis wann genau, dann werden Sie “unendlich” viel Unerwartetes antreffen und das Projekt wird Ihnen um die Ohren fliegen.” gilt nur dann, wenn man das “was man erreichen will” als Anzahl und exakter Spezifikation von beispielsweise Funktionen bei SWE-Projekten versteht.
Das ist aber bei Projekten - die auch wirklich Projekte genannt werden können - besonders unsinnig - denn Projekte zeichnen sich vor allem durch ihre Einmaligkeit und Neuartigkeit aus. Nun kann man einfach den Schluss ziehen, dass wenn ich irgendetwas das erste mal mache oder in Auftrag gebe und es demzufolge für mich neu ist, kann ich gar nicht das gewünschte Endergebnis beschreiben. Mit dieser Herangehensweise wird das Lernen (von dem Neuen) innerhalb des Projektes nahezu ausgeschlossen. Weiters wird das Eintreten des Neuen (das wir ja nicht lernen mußten) als unangenehme Überraschung und/oder als Scheitern wahrgenommen.
Die erfolgsversprechendere Herangehensweise wäre für mich, die gewünschte Wirkung oder den Sinn des Projektes zu beschreiben. Damit entsteht ein inspirierender, leerer Schaffensraum in dem die verschiedenen Fachleute wirken können. Die von mir vorgeschlagene Herangehensweise entspricht eher der Entwicklung eines Kunstwerkes. Die Definition und Spezifikation aller Elemente im Vorfeld entspricht eher einem “Malen nach Zahlen”.
bis bald, Gernot
Juni 11th, 2010 at 6:07 pm
Hi Gernot,
die Vorgehensweise, die gewünschte Wirkung oder den Sinn des Projektes zu beschreiben gefällt mir sehr gut. Ebenso die damit verbundene Idee eines leeren Schaffensraums.
Denn der leere Raum bietet der Kreativität besonders viel Gestaltungsmöglichkeit - jetzt mal so ad hoc gedacht…
HGA
August 5th, 2010 at 2:53 pm
[...] her nicht besonders attraktiv geworden ist. Dies hat übrigens auch schon Andreas Zeuch in seiner Rezension des Buches [...]