Buchrezension (2): Aus der Giftküche des Managements. 2010 von Thomas Bubeck
Liebe Leserin, lieber Leser!
Es blubbert. Es brodelt. Es stinkt. Bis zum Himmel. Was Thomas Bubeck da aus seinen über 30 Jahren Berufserfahrung in Unternehmen zusammengestellt hat, übertraf bei Weitem meine bisherige durchweg kritische Sicht des Top-Managements. Da gibt es monate- wenn nicht gar jahrelange präpsychotische Entgleisungen, die toleriert und den Mitarbeitern zugemutet werden, nur weil der Mann, dem der Sinn für die Realitätsprüfung abhanden gekommen ist, als CEO das Unternehmen leitet und somit sakrosankt ist. Ein Hort irrationalen Wahnsinns, sogar psychopathologisch gemäß der augenblicklich geltenden Manuale DSM IV-TR und ICD 10 diagnostizierbar. Schließlich landete besagter Chefoffizier am Ende in der Psychiatrie. Unglaublich.
In sieben Kapiteln führt Bubeck den Leser durch die Giftküche und hinterfragt auf diesem Gang viele Probleme. Da wäre zum Beispiel die satte Bigotterie von Geschäftsführern und Vorständen jenseits der 60, die ihren teils 10 Jahre jüngeren Mitarbeitern allen Ernstes mangelnde Leistungsfähigkeit attestieren. Das könnte im einen oder anderen Fall ja noch stimmen, schließlich ist nicht jeder mit 50+ noch ein Energiebündel. Aber zweierlei wird auf alle Fälle erfolgreich bis zum Zusammenbruch des Unternehmens geleugnet: Der demografische Wandel. Und die Tatsache, dass ältere Mitarbeiter häufig besonnener handeln und auf alle Fälle zweifellos über einen wesentlich größeren Erfahrungsschatz und damit über die effektivere Expertise verfügen.
Wohl kaum schmackhafter ist die Brühe der Selbstüberheblichkeit. Mitarbeiter werden regelmäßig unterschätzt und für dümmer, verantwortungsloser und fauler gehalten, als sie es sind. Der Tayloristische Geist scheint viele Top-Manager bis in die letzte Zelle mit dieser Mitarbeiterunterschätzung und -verachtung durchtränkt zu haben. Gleichzeitig sind die Männer und Damen (hier in der Reihenfolge ihres quantitativen Auftretens) selbst natürlich absolut fehlerfrei und perfekt und jederzeit nur im Sinne des Unternehmens motiviert. Eigene Fehler werden nicht eingestanden, sondern anderen in die Schuhe geschoben, die dafür ihren Kopf hinhalten müssen.
Und so geht es weiter. Ein Deckel nach dem anderen wird hochgehoben, auf das schwelend-stinkende Dämpfe einem den Magen umdrehen: Viele Manager entbehren der handwerklichen Fähigkeit und Sorgfalt, die sie bei den Mitarbeitern vehement einfordern; ihr Organisationsverständnis ist immer noch in primitivster Manier mechanistisch; Manager sind natürlich von vielen Aspekten und Menschen abhängig, können dies aber nicht zugeben, denn das würde ja das blankpolierte Selbstbild mit hässlichen Kratzern verunstalten. Und damit bin ich bei der Kritik am Buch angelangt.
Bubeck plaudert zwar gnadenlos aus dem Nähkästchen, aber ich finde weder wirkliche Lösungskonzepte noch eine stringent andere eigene Haltung. Zum Beispiel schreibt Bubeck, gestörte Beziehungen seien “der Treibsand im Getriebe vieler Unternehmen.” (S. 142) und etabliert damit selbst wieder eine Maschinenmetapher für ein lebendiges, soziales System. Noch sonderbarer mutet der zwei Seiten weiter ausgesprochene Vergleich zwischen Hundehaltern und Führungskräften an. Wir dürften uns einig sein, dass ein Hund tatsächlich im allgemeinen dümmer ist als ein Mensch und an die Leine genommen werden muss und Erziehung braucht und ab und an auch mal ein deutlich spürbares Zeichen, wer denn nun das Alpha-Tier im Rudel ist. Aber Mitarbeiter?
Nicht viel anders der Widerspruch zwischen der richtigen und wichtigen Bemerkung, dass Arbeit mehr ist, als eine rein rationale und wirtschaftliche Angelegenheit und dass deshalb die übliche Sicht von Arbeit als Produktionsfaktor zu kurz greift. Neun Seiten weiter spricht Bubeck dann selbst wieder von der “Ressource Mensch” und kehrt zurück zur Zweckrationalisierung der Mitarbeiter. Aber sei’s drum. Der Buchtitel suggeriert schließlich kein Buch, dass neue Wege aufzeigen will, sondern vor allem bestehende Missstände schonungslos offenlegt. Und dafür sei Thomas Bubeck gedankt (und vielleicht auch dafür, dass er es über 30 Jahre in diesen Tollhäusern ausgehalten hat). Denn die allgemeine Managementschelte erschöpft sich im universellen Giervorwurf. Tatsächlich ist die Misere des Managements viel größer. Der Abgrund ist tiefer als bisher angenommen.
Dieses Buch sollte vor allem desillusionierende Pflichtlektüre an allen BWL-Fakultäten werden. Damit die StudentInnen klarer sehen, was sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit erwarten könnte, wenn sie in irgendeinem Unternehmen einen Job beginnen. Aber das wird vermutlich nie passieren, denn es entweiht die heiligen Hallen der Geschäftsführung und der Vorstandsetagen. Vor ein paar hundert Jahren hätte man Herrn Bubeck wohl noch verbrannt für seine Häresie des Top-Managements. Heute darf er weiterleben - und wird hoffentlich nicht durch Ignoranz seines Buches exkommuniziert.
Fazit: Ein Buch das Übelkeit durch Vergiftungserscheinungen hervorruft. Aber sich übergeben hat ja immer auch eine reinigenden Wirkung. Und danach geht es einem meistens besser. Deshalb: Lesenswert.
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch
Bubeck, T. (2010): Aus der Giftküche des Managements. Wiley











August 1st, 2010 at 10:49 pm
Danke für die Rezension. Wer in der Wirtschaft tätig ist, für den scheint dieses Buch eine Bestätigung des längst Erfahrenen. Solcherart Fakten sind bekannt. Und nicht nur aus Konzernen. Die Konsequenzen daraus werden täglich an den Arbeitsplätzen durchlebt und vielfach durchlitten. Gut finde ich, dass dieses Problem thematisiert und öffentlich wird. Mehr Bewusstsein für den Wahnsinn mit Methode kann für Betroffene nur entlastend sein. Für das System ist es entlarvend. Insofern wünsche ich dem Buch von Herzen viel Erfolg.
Für mich bleiben aber wichtige Fragen: Wie krank ist unsere Wirtschaft, die moral- und gefühllose Psychopathen an die Spitzen der Unternehmen spült? Wie krank unsere Gesellschaft, die solche deformierten Menschen als „Leistungsträger“ feiert? Sind wir nicht alle als Unternehmer, Arbeitnehmer, Konsumenten, Politiker und Wähler in der Verantwortung, dass es soweit kommen konnte? Wo sind unsere Anteile als
Ko-Psychopathen“, die durch Schweigen und Mitmachen diesem Irrsinn die Entfaltung gestatten?
Ich denke, das Gefühl, dass etwas nicht mehr stimmt in unserem Wirtschaften, ist weit verbreitet. Das zeigen mir immer wieder Gespräche mit Menschen quer durch die Unternehmens-Hierarchien. Nicht nur die Mitarbeiter, auch Führungskräfte beklagen häufig die übermächtige Fremdbestimmung. „Alternativlosigkeit“ ist das Schlagwort im Arbeitsalltag, das „wir müssen“ der Standard-Appell um die Dinge blind und gedankenlos voranzutreiben. So bleibt Intuition und mit ihr auch die Kreativität systembedingt auf der Strecke. Und das ist gewollt in der pseudorationalen Welt des homo oeconomicus.
August 4th, 2010 at 10:52 pm
Danke Insider,
Sie haben die Sache auf den Punkt gebracht. Natürlich ist das Drohpotential in einer Zeit rarer Jobs groß und ich verstehe auch, daß der eine oder andere, der sich nicht stark genug fühlt, sich lieber wegduckt als zu kämpfen.
Trotzdem könnte ein wenig mehr Zivilcourage und raus aus dem bequemen Trend nicht schaden. Autoritäre Menschen lassen sich durch “Wohlverhalten” nicht beeindrucken und beschwichtigen. Sie haben mehr Respekt vor dem,der sich auch mal was traut und ihnen in wichtigen Dingen eins vor die Birne haut, wenn das notwendig ist Deswegen wird einem nicht gleich der Kopf abgerissen, zumindest nicht,wenn man eine gute Leistung bringt und nicht nur rumlamentiert.
Führung hat immer zwei Seiten:einen der führt und einen der sich führen läßt oder auch nicht.Spielräume für alternatives Verhalten sind vorhanden, man muss sie nur sehen oder sehen wollen.Insofern ist das Buch hilfreich,weil es einen hinter die Kulissen schauen läßt.
Angst ist leichter zu bewältigen,wenn man versteht ,was vorgeht und sieht,dass andere ähnliche Probleme haben.Meist ist die Angst vor dem drohenden Unheil größer als das Unheil selbst.
Und was die Führungskräfte angeht, so haben die oft mehr Spielräume als Charakter.
Wie ich mit meinen Leuten im Innenverhältnis umgehe,bleibt immer noch mir selbst überlassen.Der nächsthöhere Boss kann ja nicht überall sein. Frage ist nur ,ob man sich noch im Spiegel anschauen können möchte oder die schnelle Karriere einem das Hirn vernebelt.
August 30th, 2010 at 5:06 pm
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