Hilfe, die Sarrazinen kommen!
Liebe Leserin, lieber Leser!
Ihr habt es mitbekommen. Die unglaubliche Debatte um den Volkshelden und ehemaligen Bundesbank-Vorstand Dr. Thilo Sarrazin. Was jedoch hat das mit diesem Blog zu tun? Na ja, wir leben ja irgendwie in einer Wissensgesellschaft. Zumindest tun wir so. Das fordert natürlich immer wieder Mahner der Bildung auf den Plan, alldieweil Bildung irgendwie auf verschlungenen Pfaden gerne mit Wissen oder – noch weitsichtiger – mit Weisheit verwechselt wird; und in der logischen Folge mit Intelligenz und Erfolg im Leben. Somit lohnt es definitiv, dass bereits jetzt ausverkaufte Buch von Sarrazin und seine Position und das ganze Durcheinander um ihn zu reflektieren.
Und da spielt mir doch ein unglaublicher Zufall in die Hände: Neulich, auf einer Bahnhofstoilette – es ließ sich nicht mehr vermeiden – fand ich sein aktuelles Tagebuch! Woher ich das weiß? Na als diplomierter und promovierter Volkswirt, als ehemaliger Leiter diverser staatlicher Einrichtungen, ehemaliger Leiter der Konzernrevision bei der Deutschen Bahn AG und schließlich Mitglied des Vorstands der Bundesbank, nimmt es Dr. Thilo Sarrazin mit der Präzision und Vollständigkeit von Informationen geradezu zwanghaft genau. Ich spürte intuitiv, dass es sich um sein Tagebuch handelt, als ich fein säuberlich auf der ersten Seite seinen Namen inklusive seiner Privatadresse las, die ich hier aus Diskretionsgründen natürlich nicht veröffentliche. Anders jedoch beim unglaublichen Inhalt, der einen tiefen Einblick in das Innenleben des Mannes bietet, der den öffentlichen Diskurs in diesen Tagen beherrscht wie kein anderer.
Liebes Tagebuch! 6. September 2010
Heidenei! Heute bin ich sogar auf der Titelseite des Spiegels. Ja doch, ganz ehrlich, dass überrascht mich. Hab doch nichts anderes gemacht, als ein paar unliebsame Dinge anzusprechen. Mein Gott, wieso haben die Politiker alle diese Probleme. Das Volk teilt doch meine Meinung. Ergibt sich meiner strikten Argumentation, hat Einsicht in all die mühselig recherchierten Fakten (bis auf die paar Mal, wo ich meine Mitarbeiter und MItarbeiterinnen für meine Recherche gebraucht habe, ja, OK, das mach ich beim nächsten Mal geschickter, schließlich wirkt es ja schon ein wenig komisch, wenn ich durch den Staat und die Bevölkerung bezahlte Mitarbeiter für mein privatwirtschaftlich erschienenes Buch vor den Karren meiner Mission spanne – äh, was, wo war ich gerade?
Ach ja. Einsicht des Volks. Also liebe Vorstandskollegen, ich würd ja am liebsten Tacheles mit Euch reden: 157 Kundenstimmen so kurz nach der Veröffentlichung, die mir im mathematisch exakt ermittelten Durchschnitt 4,5 Sternchen geben. Die können doch nicht irren. Wieviele andere Autoren haben das denn geschafft?
Liebes Tagebuch 7. September 2010
Also ehrlich. Die verstehen die Welt nicht. Ist wie damals diese unsägliche Diskussion mit dem Herrn Werner und dieser naiven Jungpolitikerin aus dem radikal linken Lager. Ich sag mal, da musste ich ja auch die Welt, oder genauer: die Menschen erklären. 80% sind halt ein bisschen egoistisch. Deshalb braucht es überall Kontrolle! Ich sag mal: Es brauch Kontrolle für uns Politiker, für den Arbeitslosen, für den normalen Arbeitnehmer. Alle und alles muss kontrolliert werden. Ich sag mal: Es braucht Kontrolle für die Kontrollierenden. So ist es nun mal: Wir brauchen die totale Kontrolle. Eben auch über die ungebildeten und unintegrationswilligen Ausländer. Hab das schon damals beim Grundeinkommen gesagt. Nicht das mit den Ausländern, aber den Rest, Ich sag mal, schon. Wär das jetzt ein, wie heißt das? “Webblog” oder so, dann könnte ich jetzt hier das Video als Beweis bringen.
Besonders witzig war dieser komische Mensch, der da seine, ich sag mal, möchtegernkritischen Kommentare eingeblendet hat. Urkomisch. Der hat selbst die Menschen erklärt mit seinen Untertiteln. Und beschimpft hat er sie, nicht so wie ich. Ich hab nur erklärt. Er hat beschimpft. Können alle sehen. “So ein Schwachkopf” stand da in Minute 8:33. Jawohl. Das sag ich nichts mehr.
Grundeinkommen? Alle gleich bezahlen. So ein Käse, Sag ich mal. Da haben auch die ungebildeten Publikumsleute recht gehabt. Die verstehen zwar nicht warum, aber es ist Quatsch. (Ist so wie mit meinem Buch jetzt. Das sag ich aber nicht in der Öffentlichkeit, die hetzen mich ja eh nur. Die ganzen Möchtegernrezensenten bei diesem windigen Online-Buchladen. Was haben die denn schon verstanden? Hätten ja selber drauf kommen können. Sag ich mal nicht, jetzt.) Wie kann denn der Herr Werner mit so wenig Rechenkapazität diesen verblendenden Blödsinn in die Welt tragen? Menschen sind unterschiedlich. Anders als ich. Nicht so gebildet. Ich kenn sogar den Darwin. Und mit Genetik, sag ich mal, kenn ich mich erst recht aus. So richtig. Da gibt es auch diese Epiduralgenetik, aber die stammt von so komischen Pseudosoziologen, die nicht einsehen können, dass wir nun mal durch unsere Gene programmiert sind. Komplett. Wer dumm geboren wird, stirbt auch dumm. Klare Sache. Man muss gebildet sein, mindestens auch promoviert, zumindest einmal, um die Statistiken, ich sag mal, tiefgehend zu verstehen. Als Volkswirt und Ex-Konzernoberrevisionist weiß ich wovon ich rede. Und schreibe. Mist, jetzt fließt es gerade. Muss aber noch schnell zu dieser Pressekonferenz.
Liebes Tagebuch! 8. September 2010
Ha, das Beste: Bis heute hat keiner kapiert, wo eigentlich mein Nachname herkommt. “Sarrazin” – sollte doch jedem mit einem, ich sag mal, Mindestmaß an Bildung auffallen. Das ist der nächste Beweis, wie es um uns steht. Nicht mal das merken die, auch keine Spiegel-Journalisten in ihrem Titelbericht. Sarrazin kommt von den “Sarazenen” – einem irgendwie ziemlich unpräzisen Sammelbegriff für muslimische Völker, die unseren Vorfahren damals den Schiss in die Hose getrieben haben. Ist das nicht herrlich ironisch?
Liebes Tagebuch! 9. September 2010
Herrje. Hören die denn nie auf? Hacken immer nur rum auf mir. Haben alle keinen Arsch in der Hose. Also gut. Dann geh ich eben. Werden schon sehen, was sie davon haben. Ich habs ja geschrieben. Deutschland schafft sich ab. Hätte nicht gedacht, dass es in der Bundesbank seinen Anfang nimmt. Jetzt kommt sie bestimmt, die nächste weltweite Finanzkrise.
So. Jetzt muss ich mich aber konzentrieren. Loslassen. Ich sag mal: Ein Stück von mir hergeben. Dem Gestaltlosen Gestalt geben. Mich ganz kreativ ausdrücken. Erkennen, was in mir steckt…
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Hier bricht das Tagebuch leider ab. Es war nummeriert mit 137. Ein kleines braunes, in Leder gebundenes Notizbuch mit kleinkariertem Papier.
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch
Nachtrag vom 01. Oktober 2010:
Eichener, V. (2010): Analyse – die seltsamen Methoden des Thilo Sarrazin. (Eine nüchterne Bestandsaufnahme des marktschreierischen Geschreis Sarrazins)










September 10th, 2010 at 2:37 pm
Wenn es das Tagebuch Sarrazins ist, dann ist es traurige Wahrheit! Wenn es das nicht ist, dann ist es gute Satire.
Herzliche Grüße,
Tobias
Oktober 3rd, 2010 at 11:44 am
Am besten, wir begehen kollektiven Suizid, bevor wir angesichts der muslimischen Übermacht den Schiss unserer Vorfahren in der Hose haben.
Und wenn keiner mehr zum Zahlen da ist, ziehen die weiter (wenn man sie lässt)…
Oktober 21st, 2010 at 8:27 pm
Eine gelungene Besetzung. Insbesondere der Gesichtsausdruck von Götz Werner spricht Bände. Allerdings sind die Kommentare des Publikums ein wenig erschreckend.
Oktober 22nd, 2010 at 7:37 am
Hi Laura,
ich stimme Dir voll und ganz zu. Außer vielleicht dies: Ich finde die Publikumskommentare SEHR erschreckend. Aber irgendwie auch gewohnt. Und eben doch horrend.
Januar 8th, 2011 at 11:27 pm
Das nenn ich mal eine gute Satire. Und da die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens so komplex ist, dass sie nicht sofort zu durchschauen ist, muss uns nicht wundern, wenn viele davor Angst haben und so antworten, wie in dem Film. Schade ist nur, dass keiner meint, dass es sich vielleicht lohnen könnte, sich das mal genauer anzuschauen.
Aber inzwischen ist die Initiative ja schon ein wenig weiter gekommen:
http://faszinationmensch.wordpress.com/2010/12/31/konnte-das-bedingungslose-grundeinkommen-uns-zu-einem-wurdevollen-leben-fuhren/
Und ich bin gespannt, wie es in diesem Jahr damit weitergeht …