Neulich bei den Guttenbergs zum Kaffee
Liebe Leserin, lieber Leser!
Seit letzter Woche schlagen die Wellen hoch im Falle der Plagiatsvorwürfe gegen unseren Verteidigungsminister Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. “Nicht nur an ein paar Stellen, sondern durch die gesamte Arbeit hindurch habe der Minister abgekupfert – abgeschrieben bei der F.A.Z., der NZZ, bei Politikwissenschaftlern, Bundesgerichtshofs-Präsidenten, amerikanischen Botschaften, bei Seminararbeiten von Studienanfängern und dem Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages.” (Georgi, O. (22.02.2011): Guttenberg verzichtet auf Doktortitel. „Solche Stürme hält man aus“, FAZ.net).
Eine seiner ersten Aussagen zu den Vorwürfen war eindeutig und unmissverständlich: “Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir.” (Spiegel 8/2011: 21) Kurze Zeit später rudert “KT”, wie er liebevoll von seinen das Urheberrecht und die Regeln seriösen wissenschaftichen Arbeitens ignorierenden Fans genannt wird, in eine völlig andere Richtung: „Ich habe gravierende Fehler gemacht, die dem wissenschaftlichen Kodex nicht entsprachen“ (selbiger FAZ.net Artikel). Er habe den “Überblick über die Quellen verloren” (ebnd.). Nun ja, dass ist verständlich bei einem vermuteten Plagiatsanteil auf 271 Seiten = 68,96% in Bezug auf die Gesamtseitenanzahl der Dissertation (Stand GuttenPlag Wiki 21.02.2011, 17:30 Uhr).
Achtung: Wer unten auf “Lies den Rest des Eintrags” klickt, wird mit einem explizit satirischem Inhalt konfrontiert. Ich mache von meinem Recht auf Meinungsfreiheit (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 Hs. 1 des Grundgesetzes (GG)) sowie der journalistischen Freiheit¹ Gebrauch.

Ein Held geht durch die Hölle und bleibt aufrecht - Achtung: Satirische Fotomontage mit einer Person als Beiwerk einer sonstigen Örtlichkeit (§23 KUG (1), Satz 2)
In Anbetracht der nicht unerheblichen Vorwürfe habe ich letzte Woche beim Verteidigungsministerium angerufen und mich als besorgter Bürger zu KT durchstellen lassen. Als bürgernaher Politiker hat er meinen Anruf natürlich sofort entgegengenommen. Ich erbat ein zeitnahes Interview, dass er mir gestern Nachmittag bei einem Kaffee in seinem Schloss umgehend anbot. Hier die wichtigsten Passagen unseres Gespräches, bei dem erwartungsgemäß auch seine überaus charmante und weltgewandte Stephanie Freifrau von und zu Guttenberg dabei war:
Dr. Andreas Zeuch: Herr Verteidigungsminister zu Guttenberg – wie beurteilen Sie aktuell die Plagiatsvorwürfe zu Ihrer Doktorarbeit?
KT: Herr Dr. Zeuch, ich spreche mit großer Freude und von Herzen gerne vor Ihnen und nicht vor der Hauptstadtpresse². Ich gestehe hier frank und frei, offen und ehrlich, aus tiefster Achtung vor der Integrität wissenschaftlicher Arbeiten, auch der Ihrigen: Ich habe Blödsinn gemacht.
SFvuzG: Ja, Schatz!
AZ: Herr und Frau von und zu Guttenberg, Sie glauben gar nicht, wie mich das beruhigt! Ihre selbstkritische Sicht ist ein Vorbild für alle anderen, zweifelsohne wesentlich weniger integren, mutigen und unkonventionellen Politiker. Lassen Sie uns nun ein wenig in die Details gehen. In einer musikalischen Satire wird Ihnen vorgeworfen: “Ich hab alles nur geklaut”. Das erscheint mir ein wenig überzogen, angesichts der Tatsache, dass immerhin auf rund 31% aller Seiten Ihrer Dissertation noch keine Plagiate identifiziert werden konnten.
KT: Dafür habe ich volles Verständnis und ich betone hier ausdrücklich und gerne, dass ich die Meinungsfreiheit unserer Bürger in diesem unseren Lande voll auf achte. Damit ist es für mich natürlich kein wirkliches Problem, mit derartig überzogenen Vorwürfe klar zu kommen. Eine fränkische Wettertanne hauen solche Stürme nicht um. Denn im Grunde meines Herzens weiß ich: Ich habe die Arbeit selbst geschrieben, aber ich habe nicht absichtlich getäuscht.
SFvuzG: Ja, Schatz!
AZ: Da scheint es mir von besonderer politischer und menschlicher Größe zu zeugen, dass Sie freiwillig Ihren Doktortitel, der ja immerhin mit der bestmöglichen Benotung “summa cum laude” einhergeht, ablegen. Schließlich bekommen nur die begabtesten und für die Forschung vielversprechendsten Doktorranden am Ende diese herausragende Note. Deshalb: Hut ab!
KT: Danke!
AZ: Gerne! Könnte es eventuell auch sein, dass Sie arglistig getäuscht wurden, als Ihnen durch den wissenschaftlichen Dienst der Bundesregierung eine technisch raffinierte Computer-Tastatur untergejubelt wurde, die Sie regelrecht gezwungen hat, sieben Jahre lang auf das sogenannten “Copy-Paste” Verfahren zuzückzugreifen?

Die mögliche Ursache für die unbeabsichtigten Plagiate
KT: Oh, Herr Dr. Zeuch – Danke! Das ist ein wunderbarer Denkanstoß. Das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Das werde ich morgen gleich durch den wissenschaftlichen Dienst prüfen lassen.
AZ: Gerne. Eine andere Frage, die mich wie viele andere engagierte und aufgeklärte Bürger interessiert: Werden Sie Ihr Amt als Verteidigungsminister zur Zufriedenheit aller weiter führen? Oder könnte es, in Anbetracht des steigenden, beinahe massenhysterischen Drucks auf Sie, doch dazu kommen, dass Sie das Amt niederlegen?
KT: Ich schätze mich glücklich, dass Sie diese zentrale Frage so mutig ansprechen! Es ist eine große Gnade, dass mir meine ministeriellen Kolleginnen und Kollegen eine so warmherzige und selbstlose Unterstützung zukommen lassen. Allen voran hat unsere Kanzlerin klargestellt, dass ich meine Aufgaben hervorragend erfülle, dass dies das sei, was für sie zähle. Sie hat weiterhin volles Vertrauen in mich. Denn wer wie vorgeworfen auf 271 Seiten in seiner Doktorarbeit plagiiert, ohne es zu merken, der muss ja noch lange nicht bei anderen Arbeitsaufgaben Unfug machen.
SFvuzG: Ja, Schatz!
KT: Außerdem stellt meine überaus geschätzte Kollegin Frau von der Leyen klar, dass ich auch ohne Doktor ein guter Verteidigungsminister bin. Ich selbst würde nicht ganz so hoch greifen, wie sie und unsere großartige Kanzlerin, wenn sie beide sagen, dass ich “hervorragend” sei. Aber dass ich weitermachen muss, wie Ursula anmerkte, dass würde ich bei aller notwendigen Demut doch auch so sehen. Schließlich schenkt mir auch Horst Seehofer sein “uneingeschränktes Vertrauen”, wie mir mein Informationsdienst mitteilte.
AZ: Das ist eine gute Nachricht für alle mündigen Bürger dieses Landes! Vor allem jene von uns, die eine geradlinige, aufrichtige, authentische und somit glaubwürdige Politik schätzen.
SFvuzG: Ja, Schatz! Äh, Entschuldigung, ich meinte: Ja, Herr Dr. Zeuch.
AZ: Kein Problem, das macht nichts. Interessant erscheint mir auch, dass Sie auf Ihrer Homepage www.zuguttenberg.de erst gar nicht auf diese kleinkarierte Hatz eingehen. Vielmehr stellen Sie in einer wunderschönen Flashanimation auf der Startseite Ihre wichtigsten Werte und politischen Einsichten dar. Sie verdeutlichen, dass Sie auch unbequemen Fragen nicht aus dem Weg gehen – das zeigen Sie ja gerade jetzt auf bewegende Weise.
KT: Herr Dr. Zeuch, Danke für Ihr tiefgreifendes Verständnis meiner Integrität und mutigen Politik. Ganz ehrlich: Manchmal würde ich mir doch wünschen, dass mehr kritische Menschen wie Sie meine Leistung so deutlich wertschätzen können. Aber ich arbeite daran.
AZ: Das ist eine gute Brücke zum Abschluss: Ihre Facebook Freunde, die eine sehr erfreuliche Entwicklung sind. Immerhin gefällt 7895 Ihrer Freunde Ihre klare Stellungnahme, dass Ihre Dissertation kein Plagiat sei. Und – unglaublich aber wahr - 204.535 Personen (Stand 22.02.2011, 16.17 Uhr) unterstützen Sie auf der Facebook Seite “Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg”. Da kommen Assoziationen wie “Hexenjagd” auf. Und natürlich wächst diese zugewandte Freundesgemeinde minütlich. Sie rufen ja dazu auf, bis Ende dieser Woche die 500.000 Grenze zu knacken. Wie stehen Sie zu diesem Engagement?

Die ermutigende facebook Seite "Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg"
KT: Oh, es ehrt und freut mich immer wieder, dass es doch noch tolerante und weltoffene Bürger gibt. Solche, die nicht so engstirnig auf dem Urhebergesetz und den Qualitätsstandards wissenschaftlicher Arbeit herumreiten, Menschen ohne bebende Unterlippe der Empörung. Eine Gemeinschaft, die mir lieber den Rücken stärkt. Das sind die Menschen, die wir in einer – wie es der Philosoph Karl Popper so schön formulierte – offenen Gesellschaft brauchen. Menschen denen klare Werte noch etwas bedeuten.
AZ: Diese angebliche Plagiatsaffäre ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie wir Nichtwissen produktiv nutzen können. Wie einer Ihrer treuen Freunde auf Facebook schrieb: “Er hat klare Worte gefunden und jetzt sehe ich ihn noch positiver.” - Sehr verehrter Herr zu Guttenberg, sehr verehrte Frau zu Guttenberg – haben Sie beide herzlichen Dank für dieses Interview, den guten Kaffee und die leckeren Plätzchen.
Weiterführende Quellen
- Darnstädt, T. et al. (2011): Doktor der Reserve, Spiegel 8/2011: 20-29
- Das Gupta, O.; Widmann, M. (22.02.2011): Der doppelte Karl-Theodor, Sueddeutsche.de
- Deppendorf, U. (22.02.2011): Ulrich Deppendorf kommentiert die Plagiatsaffaire
- FAZ.NET (21.02.2011): Merkel: Als Minister ist Guttenberg hervorragend, FAZ.NET
- Fliegauf, M.T. (22.02.2011): Unter Schustern, The European
- Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg, facebook Seite
- Georgi, O. (22.02.1011): Guttenberg verzichtet auf Doktortitel. “Solche Stürme hält man aus”, FAZ.NET
- GuttenPlag Wiki
- Horstkotte, H. (16.02.2011): Plagiatsvorwurf gegen Guttenberg. Totalverriss von 475 Seiten Doktorarbeit, Zeit Online
- Hugendick, D. (21.02.2011): Guttenberg kopierte auch aus der ZEIT, Zeit Online
- Kolbe, G. (20.02.2011): Die Promotion des Dr. ab und zu, NZZ Online
- Kuzmany, S. (22.02.2011): Guttenbergs Ehre. Die Lüge ist ministrabel geworden, Spiegel Online
- Mitteldeutsche Zeitung (23.02.2011): Bundeswehr-Offizier nach Plagiatsfall degradiert, mz-web.de
- n-tv.de (22.02.2011): Universität prüft weiter Fehlverhalten. Guttenberg äußert sich im Bundestag
- Tagesschau.de (2011): Plagiatsvorwürfe im Bundestag. Guttenberg antwortet selbst.
- Trenkamp, O. (22.02.2011): Promitionsexperte im Interview. “Damit kommt Guttenberg nicht davon”, Spiegel Online
- Volmer, H. (22.02.2011): Arnold über Guttenberg. “Falscher Schein ist sein roter Faden”, n-tv.de
- Welt Online (22.02.2011): Guttenberg soll Doktortitel zu früh geführt haben
- Wehner, M.; Lohse, E. (20.02.2011): Die Studierstube ist seine Bühne nicht, FAZ.NET
- Wikipedia Artikel zu Karl-Theodor zu Guttenberg
Fußnoten (ich hoffe, ich habe den Überblick behalten)
(1) Nach dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehört zur journalistischen Freiheit auch das Recht zu einer gewissen Übertreibung oder sogar zur Provokation.
(2) Alle kursiv gesetzten Stellen sind ein originales und echtes Zitat (Cave: KEINE Satire) dessen, was Karl-Theodor zu Guttenberg in den letzten Tagen der Plagiatsaffäre tatsächlich öffentlich gesagt hat oder auf seiner Homepage hat schreiben lassen. Die kursiv gesetzten Stellen sind mit Links hinterlegt, die zu (Zeitungs-)Artikeln führen, in denen die wörtliche Rede zu finden ist. Alle Zitate, die nicht mit einem Link hinterlegt sind, finden sich in der jeweils zuletzt verlinkten Quelle.
PS
Was in den letzten Tagen ganz übersehen wird: Die mangelhafte Prüfung der Dissertation durch die Universität Bayreuth. In Zeiten von Google und Copy-Paste sollte jede wissenschaftliche Abschlussarbeit auch ein digitales Prüfverfahren durchlaufen, um Plagiate simpel zu vermeiden. Das ist der zweite bisher ignorierte Skandal.










Februar 23rd, 2011 at 11:08 am
Ha, ha, “gut gebrüllt”, Andreas. Satire ist immer zulässig, und wie Du am Schluss schreibst: der Skandal ist, dass eine Universität ein Summa cum Laude für eine Arbeit ohne wissenschaftliche Kreativität vergibt, die von einer Dissertation erwartet wird. Der Freyherr ist ja leider nicht der Einzige, der eine geklaute oder schwache Arbeit einreicht. Man sollte daher das Übel an der Wurzel kritisieren und nicht nur an den Blättern zupfen. Trotzdem: Ich hoffe für Deutschland, ja für Europa, dass er den Überblick über die Konfliktherde der Welt nicht verliert, nachdem er ihn schon bei die Quellen seiner besseren Seminararbeit verloren hat.
Februar 23rd, 2011 at 11:08 pm
Sehr gute Satire!
Was mich aktuell bestürzt ist, dass die Bürger mit großer Mehrheit immer noch KT als vertrauenswürdig genug empfinden und ihn weiter im Amt sehen wollen.
Ich war schon der Meinung, dass unsere Bürger inzwischen so mündig und kritisch sind, dass sie auf einen Blender nicht mehr hereinfallen und deshalb auch unsere Bundespräsident gut direkt gewählt werden sollte. Mit dieser aktuellen Situation bin ich geneigt, doch lieber beim alten System zu bleiben und uns von den Oligarchen weiter regieren zu lassen?
Februar 24th, 2011 at 6:00 am
Hi Martin,
schön, dass Dir die Satire gefällt. Zu Deiner Sorge – na mal langsam. Da würde ich mir mal verschiedene Umfragen anschauen.
1. Selbst in der Pro-Guttenberg Bild sieht es so aus: 55% meinen, er sollte zurücktreten und nur 36% sind der Meinung, er mache seinen Job gut. Zu sehen hier: http://bit.ly/fBCKla
2. IN einer tagesschau Umfrage meinten 78,9%, die Sache sei mit dem Entzug der Doktorwürde nicht erledigt. http://bit.ly/fYx2w8
Das mal so als alternatives Stimmungsbild. Aber vielleicht sind wir selbst jetzt gefragt, unsere Stimme zu erheben….
Februar 24th, 2011 at 9:55 am
Es ist schon unglaublich, das der Herr zu Guttenberg auch noch im Amt verweilen darf. Echt nicht zu fassen.
Wenn ein bischen Reue und Anstand seitens des Herrn vorhanden wäre, würde er seinen Hut nehmen, um uns nicht noch lächerlicher in der Weltöffentlichkeit zu machen.
Februar 24th, 2011 at 9:23 pm
[...] Rechtsassessor seine Glaubwürdigkeit verloren haben sollte. Dr. Andreas Zeuch hat da eine lesenswerte Satire zu [...]
Februar 27th, 2011 at 11:23 pm
[...] letzte Blogbeitrag, die Satire “Neulich bei den Guttenbergs zum Kaffee” erfreute sich enormer Beliebtheit. Und hat mir Mut gemacht, dass es in Deutschland nicht, [...]