Der Mob ist tot.
Keine Angst vor Massen, denn sie können eine wertbildende Ressource für Unternehmen sein.
Liebe Leserin, lieber Leser!
Es gibt einige prominente Meinungen über das Intelligenzniveaus bei Massen. Drei Beispiele mögen dies illustrieren:
- „Die Masse erreicht niemals das geistige Niveau ihres herausragendsten Mitglieds, sondern sinkt vielmehr auf das unterste individuelle Niveau in seinen Reihen.“ Henry David Thoreau
- „Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes – aber bei Gruppen die Regel.“ Friedrich Nietzsche
- „Jeder Mensch ist, für sich genommen, einigermaßen vernünftig und rational – als Mitglied einer Menge aber wird er prompt zum Dummkopf.“ Bernard Brauch, Börsenspekulant
Wie steht es mit Ihren Vorurteilen über Menschenmengen? Fürchten Sie sich davor? Halten Sie sie auch für dumme Massen, die vor allem zu wirklichen Schandtaten fähig sind? Fällt es Ihnen schwer zu glauben, dass gerade eine Menschenmenge geeignet ist, sinnvolle und gute Entscheidungen über die Zukunft zu treffen?
Dann geht es Ihnen wie uns und den meisten Menschen, mit denen wir im letzten halben Jahr über diese Fragen gesprochen haben. Dennoch, die Gegenbeweise erdrücken einen geradezu. Im Folgenden zeigen wir an einem beeindruckenden Beispiel, dass Massen keineswegs so tumb und töricht sind, wie es die Zitate eingangs nahelegen.
Am 28. Januar 1986 war der Himmel klar über Cape Canaveral, alles verlief nach Plan. Der Countdown zählte herunter, die Triebwerke zündeten und die Challenger hob ab zu ihrem letzen Flug. Vierundsiebzig Sekunden später verfolgten tausende Menschen an den Fernsehbildschirmen, wie das Spaceshuttle in einem Feuerball verbrannte. Acht Minuten später tickerte die Information über den Dow-Jones-Nachrichtendienst.
An der Börse gibt es keine Zeit für Trauer. Innerhalb von Minuten sanken die Aktienwerte der Unternehmen, die am Projekt Challenger maßgeblich beteiligt waren. Die erste halbe Stunde nach dem Unglück war noch nicht vergangen, da hatten Lockwell International, Konstrukteur des Shuttles, Lockheed, die sich um die Bodenunterstützung kümmerten, Martin Morietta, der Hersteller des externen Brennstoffzellenbehälters und Morton Thiokol, dessen Feststoff-Trägerrakete die Challenger in den Weltraum katapultieren sollte, beträchtlich an Aktienwert verloren. Vor allem die Morton-Thiokol-Aktie versuchten so viele Anleger loszuwerden, dass ihr Handel fast augenblicklich ausgesetzt wurde. Am Ende des Tages hatte die Aktie fast zwölf Prozent an Wert verloren, während die Aktien der anderen Unternehmer sich schnell wieder erholt hatten.
Michael T. Maloney und J. Harold Mulherin haben ein Studie über die Marktreaktion auf die Krise erstellt und weisen darin auf unterschiedliche wichtige Aspekte hin. So gab es am Tag des Unglücks keine öffentlichen Kommentare darüber, wer oder was die maßgebliche Schuld an diesem Unglück trägt. Am Tag nach der Katastrophe veröffentlichte die New York Times nur zwei Gerüchte, von denen keines Thiokol als Schuldigen identifizierte. Es konnten nicht einmal Spuren für Insidergeschäfte gefunden werden.
Das bedeutet: die Masse der Anleger hatte bereits Minuten nach dem Unglück entschieden, wer der Hauptschuldige sein wird. Viele tausend Menschen, mit unterschiedlichsten Quellen für ihr Wissen und verschiedensten Erfahrungen kamen zu der mehrheitlichen Übereinkunft, dass Morton Thiokol die Hauptverantwortung zu tragen hat.
Sechs Monate nach der Explosion stellte eine durch den Präsidenten eingesetzte Untersuchungskommission fest, dass der Markt richtig gelegen hatte. Die Dichtungsringe der seitlichen, von Thiokol hergestellten Trägerrakten, wurden aufgrund von Kälte porös und bildeten Risse. So konnten Gase austreten, die sich entzündeten und die Flammen waren in den Haupttank vorgedrungen. Was dann passierte haben Millionen Zuschauer live am Bildschirm verfolgt.
Entscheidend ist: Der Börsenmarkt wusste binnen weniger Minuten, wer die Schuld an der Explosion trug. Gewiss lässt sich jetzt argumentieren, dass es sich um ein Einzelereignis handelte und der Markt mit seiner korrekten Schuldzuweisung einfach Glück hatte, dennoch bleibt das Verhalten des Marktes irgendwie unheimlich oder?
Dieses und weitere Beispiele und Nachweise, die James Surowiecki in seinem Buch „Die Weisheit der Vielen“ beschreibt, fordern uns auf, unsere alten Vorurteile über die Dummheit der Masse zu revidieren: Menschenmassen sind nicht per se ein blinder, aggressiver und wütender Mob. Speziell bezogen auf Entscheidungen mit einem hohen Maß an Unsicherheit, wie etwa Entscheidungen über unsere Zukunft, sind wir als Masse nachweislich intelligenter und qualitativ besser als Einzelpersonen, Experten oder sogar Expertengremien.
Doch was können Unternehmen daraus lernen? Was Führungskräfte? Mehr darüber im demnächst erscheinenden Kindle-Artikel zu diesem Blogbeitrag.
Herzliche Grüße
Gebhard und Andreas
Literatur
Surowiecki, J. (2007): Die Weisheit der Vielen. Warum Gruppen klüger sind als Einzelne. Goldmann









