Die Kunst des Scheiterns
Liebe Leserin, lieber Leser!
in den letzten Tagen hat mich unter anderem das Buch “Mein Boss, die Memme” von Patrick Cowden beschäftigt (die Rezension dazu erscheint demnächst in meinem Blog “Zeuchs Buchtipps“). Cowden macht klar, dass Helden im Gegensatz zu Memmen für ihn darin bestehen, erfolgreich zu scheitern. Und dazu gehört: Keine Angst vor Fehlern zu haben und diese inklusive möglichen Scheiterns offen, selbstkritisch und lernend zu reflektieren. Somit ist der Umgang mit Scheiter-Erfahrungen ein wichtiger Bestandteil von Fehlerfreundlichkeit, die wiederum eine Säule einer effektiven EntscheidungsKultur ist.
Leider sind Berichte über Scheitern nicht so häufig zu finden. Die Gescheiterten schweigen vor allem in Deutschland gerne über ihre Misserfolge. Erfreulicherweise wurde Anfang August bei www.deutsche-startups.de ein Artikel über fünf verschiedene gescheiterte Start-ups veröffentlicht, in dem Betroffene Gründer offen über Ihre Fehlentscheidungen und Misserfolge sprechen. Vieles in den Erfahrungsberichten ist natürlich recht spezifisch für Start-ups und bestimmte Branchen. Ich habe versucht, das Allgemeingültige herauszufiltern und kurz auf den Punkt zu bringen.
5 Ursachen des Scheiterns
1. Nicht auf sich selbst hören. So hatten die Gründer der Musikdownload-Plattform “Kazzong” ursprünglich das Geschäftsmodell so aufgebaut, dass Künstler, die über Kazzong Musik verkaufen, die ersten fünf Euro an Einnahmen als Systemgebühr zu entrichten haben. Berater hatten ihm stattdessen ein Reichweiten Modell aufgeschwatzt, in dem von jedem verkauften Song eine Gewinnbeteiligung erhoben wird. Als sich dann der Investor überraschend zurückzog, standen die Gründer vor der Insolvenz. Wären Sie bei ihrem ursprünglichen Geschäftsmodell geblieben, hätten sie sich “den Investor schenken können”.
2. Die Taube auf dem Dach, statt den Spatz in der Hand. Die Gründer der Spieleplattform “Lamagames” wollten von Anfang an “der Porsche unter den Spielen sein” und hatten dazu einen sehr aufwändigen und möglichst perfekten Businessplan erstellt (so wie auch die Gründer von Tagcrumbs). Leider hatten die Gründer auf diese Weise Zeit verspielt und am Ende doch keinen Investor gefunden. Besser wäre es aus Sicht der Jung-Unternehmer gewesen, erst einmal einen kleineren, nicht ganz so ausgefeilten Businessplan zu erstellen, und damit schneller Investoren zu finden. Sollten sich dann keine finden, kann man die Geschäftsidee ohne großen Aufwand wieder ad acta legen.
3. Keine gemeinsame Vision. Anfänglich war es für die Gründer von Tagcrumbs, die das Konzept von Bookmarkdiensten wie delicious auf Plätze übertragen wollten, nicht möglich, Investoren zu finden. Das lag unter anderem daran, dass das Produkt zu sehr im Vordergrund stand und die Monetarisierung offen blieb. Als dann doch noch ein Investor einsteigen wollte, wurde klar, dass die Visionen der Gründer zu weit auseinander lagen. So musste das Start-up wieder dicht gemacht werden.
4. Nicht 100% von sich und seiner Idee überzeugt sein. Daniel Thomaser, einer der Gründer der Vorhaben- und Zieleplattform want2do, findet es immer noch schwierig, genau zu sagen, woran ihr Start-up gescheitert ist. Sicherlich gab es verschiedene Gründe, wobei viele hier an dieser Stelle zu spezifisch sind. Eines aber ist eine sicherlich häufige und allgemeingültige Ursache des Scheiterns: Er war nicht restlos überzeugt von ihrer Geschäftsidee und kommt so zu dem Schluss, nur dann neu zu gründen, wenn er restlos von der Idee und dem Geschäftsmodell überzeugt ist.
5. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Oder anders gesagt: Vielleicht noch das Jetzt, aber nicht mehr die Zukunft richtig einschätzen. So geschehen bei United Maps, einem Start-up, dass exzellentes Kartenmaterial gegen Bezahlung zur Verfügung stellen wollte. Als das Unternehmen gegründet wurde, standen die Inhalte des Anbieters, also die Karten, im Vordergrund. Das sei damals auch nötig gewesen, um überhaupt finanziert zu werden. Und das gelang den Gründern auch, sogar in zwei Finanzierungsrunden. Leider änderte sich in der Zwischenzeit das Kundenverhalten. Es wurde nicht mehr auf Inhalte, sondern auf Technologie geachtet. Das war dann das Aus für United Maps.
Alle Betroffenen haben aus Ihren Erfahrungen gelernt und sind teils immer noch dabei. Zentral für Erfahrungslernen ist natürlich, sich vom “Scheitern” nicht persönlich in den Seelen-Abgrund reißen zu lassen. Eine gesunde Trauer und/oder Wut ist angemessen und auch nötig, wenn man viel Herzblut, Energie, Zeit und Geld investiert hat. Sich selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen ist jedoch nicht im Geringsten hilfreich. Und wenn das passiert, liegt die Eigenverantwortung darin, sich professionelle Hilfe zu holen, um die Scheitererfahrung zu vergolden.
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch
Weitere Informationen
Egeln, J. (2010): Ursachen für das Scheitern junger Unternehmen in den ersten fünf Jahren ihres Bestehens. Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie.
Obmann, C., Reimann, A. (?): Aus dem Scheitern lernen. Karriere.de
Rößler, A. (2012): Aus Misserfolgen wertvolle Erfahrungen machen. Financial Times Deutschland, Ressort “Business-Wissen”









