Systemisches Konsensieren. Wie eine gute Idee dazu führt, Lernen zu vermeiden.
Liebe Leserin, lieber Leser!
Am 20. September 2012 veröffentlichte ich meine Rezension von Christian Felbers Buch “Gemeinwohl-Ökonomie”. Dort stieß ich auf den methodischen Hinweis des “systematischen Konsensierens”. Da die Methode zunächst interessant klang, habe ich das dazugehörige Buch durchgearbeitet. Und komme leider zu dem Ergebnis, dass diese Methode einige Fallstricke aufweist, die bislang nicht beantwortet worden sind.
Zunächst zum eigentlichen Clou des systematischen Konsensierens: Im Gegensatz zu demokratischen Mehrheitsentscheiden für eine von verschiedenen Optionen wird hier der geringste Gesamtwiderstand gegen die verschiedenen Optionen ermittelt. Dazu verteilen die Gruppenmitglieder keine Pro, sondern gewichtete Widerstandsstimmen. Am Ende wird dann im Idealfalle die Option gewählt, die in der Summe den geringsten Widerstand erwarten lässt. Zur Illustration folgendes Beispiel, dass von den Entwicklern selbst stammt:
“In einem Werbebüro entstand zwischen vier erfahrenen Werbefachleuten ein ernsthafter Konflikt, weil sie sich nicht einigen konnten, welche Farbe eines neuen Auto-Modells für eine groß angelegte Werbekampagne verwendet werden sollte.” (Paulus et. al 2010: 16) Durch das übliche demokratische Mehrheitsprinzip ergab sich keine Lösung. Über das systemische Konsensieren wurden die individuellen Widerstände hinsichtlich der einzelnen Farboptionen gewichtet. Auf diese Weise zeigte sich, dass Silbergrau und Schwarz jeweils 18 Widerstandspunkte erhielten, Rot 17 und Dunkelblau 9. Somit entschied sich die illustre Werbetruppe für das dunkelblaue Auto.
Soweit so gut. Prima. Konflikt gelöst. Aber ist das wirklich intelligent? Nein, keineswegs. Das systemische Kondensieren führt vor allem zur Vermeidung von zwei wertvollen Chancen, die in der jeweiligen Entscheidungskrise liegen:
- Macht die Fragestellung oder Problembeschreibung überhaupt Sinn?
- Falls ja: Was sind die tiefer liegenden Annahmen, Haltungen, Wert, die den einzelnen Entscheidungen zu Grunde liegen?
Das Beispiel zeigt bestens, dass der Streit um die Farbe absoluter Nonsens ist. Wenn es eine zielgruppenrelevante Farbe gibt, die einen größeren Erfolg verspricht als andere Farben, dann kann das nur über wissenschaftlich fundierte, nachweislich zuverlässige und gültige (reliable und valide) Marktforschungsstudien beantwortet werden. Wenn es diese Studien gibt, dann ist damit die Frage beantwortet. Gibt es diese Studien nicht oder ist die Sachlage widersprüchlich, ist es vollkommen egal, welche Farbe gewählt wird. Die Marketer können also genauso gut würfeln. Somit ist dieser Streit aus sachlicher Sicht, wenn man nur mal kurz nachdenkt, vollkommener Unfug. Somit stellt sich die Frage: Warum und worum streitet die Gruppe eigentlich? Was liegt hinter der überflüssigen Frage? Zeigt sich hier etwas, dass sich bald wieder in einer neuen Entscheidungskrise manifestiert? Könnte das Team nicht zu mehr Leistung und Arbeitsfreude gelangen, wenn die tiefer liegenden Gründe, Annahmen etc. erkundet werden?
Ganz und gar nicht überzeugend ist des weiteren, dass die Methode einmal mehr wie so viele andere Methoden nicht die grundsätzliche Struktur formaler Hierarchien in Frage stellt. Stattdessen wird angenommen, dass die Mitarbeiter im Gegensatz zu den Führungskräften keine Verantwortung hinsichtlich der Entscheidung tragen. Wenn die Mitarbeiter der Verantwortung als Pflicht enthoben werden, sind sie damit auch Ihrer Rechte entledigt, einen maßgeblichen Gestaltungseinfluss zu erheben. Damit werden die alten Machtstrukturen in Organisationen zementiert und keineswegs demokratisiert. So hat das Ganze rein gar nichts mit einer Demokratisierung im Sinne der Gemeinwohl-Ökonomie zu tun.
Darüber hinaus werden Enthaltungen als Widerstand gegenüber den zur Entscheidung stehenden Optionen gewertet, obwohl sie genauso gut Gleichgültigkeit sein könnten, wie es in vielen Entscheidungssituationen tatsächlich der Fall ist. Außerdem verlangen die Autoren “Objektivität” und “Neutralität” von den Moderatoren bei der Begleitung und Anwendung der Methode, was natürlich unmöglich ist, wenn Aussagen der Gruppenteilnehmer “aus Ihrer Sicht” im “richtigen” Bereich “sinngemäß” festgehalten werden sollen. Hier sind Tür und Tor offen für subjektive Missverständnisse und Fehlinterpretationen der Teilnehmerbeiträge durch Moderatoren. Schließlich unterliegen sie denselben Gesetzmäßigkeiten wie alle anderen Menschen: Die Bedeutungsgebeung erfolgt subjektiv durch den Empfänger der Botschaft und muss keineswegs das wiedergeben, was der Sender der Botschaft eigentlich meinte.
Fazit: Die Methode des systemischen Konsensierens hat zwar einen gewissen Charme, aber um einen hohen Preis. Wann die Methode zu einem wirklich nachhaltigen Nutzen führt, ist zur Zeit noch offen und sollte erst noch gründlich untersucht werden. Weitere wichtige Fragestellungen zur Methode hat mein Kollege Gebhard Borck in seinem Artikel “Konsens – Bahnhof – Rechtsstreit” dargelegt.
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch
Paulus, G. et al. (2010): Systemisches Kondensieren. Der Schlüssel zum gemeinsamen Erfolg. Danke-Verlag. Paperback, 131 Seiten. 9,90 €











September 27th, 2012 at 1:42 pm
Hi Andreas,
danke für die scharfzüngige Stellungnahme. Habe das Buch nicht durchgearbeitet, was mich aber an dem Beispiel zusätzlich stört, ist, dass die Aufmerksamkeit auf das gelenkt wird, was hindert (Widerstand), statt auf das, was hilft. Wer den Widerstand gegen Alternative A so genau in Punkte fassen kann, der müsste auch in der Lage sein, seine Unterstützung für Alternative B in Punkte zu fassen. Und dann würde ich lieber Befürworter zählen als Gegner.
Gruß,
Frank
September 27th, 2012 at 2:05 pm
Hi Frank,
schön, wieder was von Dir zu hören! Ja, das ist auch noch ein Aspekt, den Du da erwähnst. Wobei ich es eben als durchaus interessante Wendung und Alternative ansehe, auch den Widerstand zu betrachten und den Weg des geringsten Widerstands zu suchen. Das könnte in spezifischen Situationen durchaus hilfreich sein, aber eben nicht immer (so wie auch bei allen anderen Methoden…).
Je länger ich drüber nachdenke: Ich finde es wichtig, beide Seiten zu beleuchten. Das Pro und Contra – UND die dahinterliegenden Motive. Dann kann sich eine intensive Motivation und Energie entfalten.
Herzliche Grüße
Andreas
September 29th, 2012 at 11:47 am
Hallo Herr Zeuch,
danke für die interessante Rezension. Ich teile ihre kritische Einstellung zur Methode des systemische Konsensierens. Hinzufügen möchte ich eine persönliche Erfahrung. Ich habe dieses Verfahren selbst in einem Trainer Netzwerk erlebt. Meine Kritik war immer, dass diese Methode vorgibt durch ein sehr formales Verfahren zur Konfliktlösung beizutragen, tatsächlich aber den Konflikt nur verschleppt, weil das eigentliche (schwierige) Thema vermieden wird. Das hat sich dann auch bestätigt.
Herzliche Grüße
Markus Sikor
September 29th, 2012 at 3:42 pm
Sehr geehrter Herr Zeuch,
schön, dass Sie sich mit dem SK-Prinzip kritisch auseinandersetzen. Allerdings ziehen Sie für Ihre Kritik das allererste und allereinfachste Beispiel heran, das keine andere Aufgabe hat, als eine Vorstellung von der methodischen Vorgangsweise zu liefern. Sie deuten es um, in ein fachlich zu prüfendes Anwendungsbeispiel aus der Werbebranche – die natürlich bessere Methoden kennt, als vier streitende Werbefachleute – um dann aus Sicht der Werbebranche eine „Unhaltbarkeit“ des Beispiels und damit Zweifel am Systemischen Konsensieren zu konstruieren. Bravo!
Sie scheinen beim ersten Beispiel stecken geblieben zu sein, sonst würden Sie die „kreative Kommunikation“ kennen, in der genau die von Ihnen vermissten Grundfragen der Entscheidungskrise ausführlich bearbeitet werden:
1. Macht die Fragestellung oder Problembeschreibung überhaupt Sinn?
2. Falls ja: Was sind die tiefer liegenden Annahmen, Haltungen, Wert, die den einzelnen Entscheidungen zu Grunde liegen?
Lesen Sie bitte „Wie wir klüger entscheiden“ um zu verstehen worum es wirklich geht, oder sehen Sie sich wenigstens das Einführungsvideo auf der Startseite von http://www.sk-prinzip.eu als ersten Einstieg an.
Systemisches Konsensieren setzt in der Realität an, die wir heute vorfinden, also auch in den Hierarchien der arbeitsteiligen Gesellschaft. Es geht hier nicht um die Frage, wo eine hierarchische Struktur notwendig ist oder nicht, sondern darum, in real vorhandenen Hierarchien eine neue Möglichkeit der Mitgestaltung der operierenden Ebenen zu schaffen. Das bedeutet, dass Demokratisierung im Gegensatz zu Ihrer Behauptung erleichtert wird und von den Mitarbeitern Verantwortung mitgetragen wird. Ihre Unterstellung, dass „Mitarbeiter der Verantwortung als Pflicht enthoben werden“, deutet auf ein offensichtliches Missverständnis hin.
Wie Sie zu der Behauptung gelangen: „Darüber hinaus werden Enthaltungen als Widerstand gegenüber den zur Entscheidung stehenden Optionen gewertet,…“ ist völlig rätselhaft. Wenn Sie sich irgendwann mit der Bewertung befassen werden, können Sie sehen, dass Enthaltungen nicht in die Bewertung eingehen können und daher auch nicht als Widerstand gemessen oder gedeutet werden können.
Die in der Diskussion aufgeworfene Frage „warum keine Prostimmen“, ist leicht zu erklären. Mit Konsensieren versucht man in einem strukturierten Prozess möglichst nahe an den Konsens heranzukommen. Wie weit jeder der entwickelten Lösungsvorschläge vom Konsens entfernt ist, kann direkt am gemessenen Gruppenwiderstand jedes Vorschlags abgelesen werden. Mit Prostimmen kann man das Wunschpotenzial messen, aber nicht die Nähe zum Konsens.
Ich frage mich, welche Motive Sie zu Behauptungen über Fallstricke und noch nachzuweisenden Nutzen verleiten. Vor 7 Jahren hätte ich dafür Verständnis gehabt. Heute wirkt es allerdings seltsam, wenn sich jemand vorschnell zum Richter aufspielt.
Dennoch freundliche Grüße Siegfried Schrotta
September 29th, 2012 at 7:43 pm
Ich teile Siegfrieds Kommentar vollständig.
Ich würde zum Thema Hierarchien noch hinzufügen: die Kooperative Entscheidungsvorbereitung. Diese lässt z. B. Mitarbeiter vorläufig konsensieren, wobei das Ergebnis anschließend von der verantwortlichen Autoritätsperson (z. B. Chef) entweder bestätigt, oder fallen gelassen wird. Die Mitarbeiter sind dadurch in der Lage, ihrer Kreativität und Ablehnung Ausdruck verleihen. Dabei ist die letztlich bestimmende Autoritätsperson in der Lage, den Entscheid nicht anzunehmen, wäre jedoch moralisch verpflichtet, dies gut zu begründen.
An dieser Stelle zieht Ihre Kritik daher nicht, Herr blog-zeuch, sondern zeugt nur Ihre Unkenntnis.
Übrigens: Lernen Sie wenigstens “Systemisches Konsensieren” richtig zu schreiben, bevor sie es verurteilen!
Alles Gute
September 29th, 2012 at 11:07 pm
Ich stimme Herrn Schrottas Kommentar zu.
Das praktische Leben – von der Familienebene bis zum Parlamentarismus – ist leider oft nicht von objektiven Kriterien bestimmt, sondern von Befindlichkeiten und Vorurteilen. Da erachte ich es als hilfreich, wenigstens eine vorläufige Lösung zu erreichen, mit der alle mitgehen können, als eine, die zwar eine rechnerische Mehrheit vorweisen kann, aber von den Überstimmten boykottiert oder gar bekämpft wird. Erstere kann leichter weiterentwickelt werden, weil bei Letzterer zuvor noch massive Widerstände überwunden werden müssen.
Oktober 1st, 2012 at 1:01 pm
Ich habe das selbe Buch auch gelesen und mich eingehend mit der Methode des SK auseinandergesetzt und muss sagen: Hanebüchender Artikel. Es wird angeführt, dass das Ergebnis von SK nicht objektiv das beste wäre, weil eine Marktforschung bessere Ergebnisse liefere als der Entscheidungsprozess. Mal unter uns: diese Marktforschung sollte natürlich gemacht werden und das Ergebnis allen Entscheidern bekannt sein. Die naturwissenschaftliche Info sollte also in die Entscheidung einbezogen werden, was dann in der Folge natürlich wieder zum besten Ergebnis führt … ich finde dieser Artikel ist eine BEleidigung für meine Intelligenz weshalb ich auch auf die anderen falschen Behauptungen garnicht mehr eingehen werde.
Oktober 1st, 2012 at 2:54 pm
Hallo Herr Schrotta,
vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Gerne gehe ich auf Ihre Anmerkungen ein.
1. Das erste Beispiel und meine Konstruktion der Zweifel
a) Sie und Ihre Mitautoren haben das erste Beispiel selbst gewählt. Es ist das erste Beispiel, mit dem ich als Leser von Ihnen konfrontiert werde. Wenn es bessere Beispiele gibt – warum haben Sie dann nicht gleich mit einem besseren angefangen, das die von mir aufgeworfenen Fragen nicht hervorruft?
b) Inwiefern deute ich das Beispiel um? Das verstehe ich nicht. Natürlich beziehe ich mich in meiner Kritik auf den Kontext des Beispiels, sprich der Werbebranche. Eine Umdeutung wäre es aus meiner Sicht, wenn ich plötzlich die Spielregeln eines anderen Kontext hinzuziehen würde, um daraus meine Kritik abzuleiten. Also erläutern Sie mir bitte, worin meine Umdeutung liegt.
2. Weitere Leseempfehlungen von Ihnen
Ich habe Ihr Buch gelesen und das hinterfragt, was im Buch steht. Ich sehe keine Veranlassung, noch weitere Bücher zu lesen, um dieses Buch zu verstehen. Es sollte für sich sprechen. Dazu bedarf es dann genauso wenig der Rezeption weiterer Videos, wie von Ihnen erbeten. Sollten weitere Texte oder Medien ein Buch vertiefen oder ergänzen, dann sollte dies an den jeweiligen Stellen im Text markiert werden. In diesem Fall müsste ich als Leser also beim ersten Beispiel eine Bemerkung finden, aus der hervorgeht, dass ich als Leser noch an anderer Stelle mein Verständnis dieses Beispiels vertiefen kann. Einen solchen Hinweis gibt es dort jedoch nicht.
3. Hierarchien
a) Es ist Ihnen vollkommen freigestellt, mit Ihrer Methode in der “Realität” anzusetzen, die wir heute vorfinden. Wenn Sie sich dafür entscheiden, ist es anderen aber auch freigestellt, genau das zu hinterfragen. Die Realitäten von denen Sie sprechen sind nicht vom Himmel gefallen, sondern lediglich soziale Wirklichkeiten, die täglich neu reproduziert werden. Der Einsatz jeglicher Methoden, ohne das bestehende System in Frage zu stellen, sorgt dafür, dass die vorhandenen Strukturen beibehalten oder sogar verstärkt werden. Ganz einfach.
b) Wieso – das versteh ich jetzt überhaupt nicht mehr – erleichtern Sie mit Ihrer Methode die Demokratisierung? An der Beteiligung der MA ändert sich doch nichts, nur weil ich in einem Abstimmungsverfahren nicht mehr die Pro-, sondern die Contra-Stimmen erfrage. Vor allem dann, wenn die Letztentscheidung bei der Führungskraft bestehen bleibt, wie Sie selbst schreiben: “Nach wie vor ist die Führungskraft letztlich für die Entscheidung verantwortlich. … Obwohl die Mitarbeiter für die Entscheidung nicht verantwortlich sind, helfen sie ihrem Vorgesetzten die Entscheidungslast zu tragen.” (S. 64)
In einer Demokratie wird die Führung gewählt. In einem Unternehmen wird der GF oder Vorstand keineswegs durch die MA gewählt – warum eigentlich nicht? Wie das Beispiel der weltgrößten Genossenschaft Mondragon eindrucksvoll zeigt ( http://bit.ly/Suvis1 ), ist dies eben sogar bei einer global operierenden Unternehmung möglich – und zwar überaus erfolgreich, auch im ökonomischen Sinn.
4. Enthaltung = Widerstand
Sie rätseln wie ich auf folgende Aussage komme: “Darüber hinaus werden Enthaltungen als Widerstand gegenüber den zur Entscheidung stehenden Optionen gewertet, obwohl sie genauso gut Gleichgültigkeit sein könnten, wie es in vielen Entscheidungssituationen tatsächlich der Fall ist.” Das Rätsel kann ich leicht lösen. Das haben Sie selbst geschrieben: “Dabei zeigte sich, dass sich vierzehn Lehrkräfte der Stimme enthielten, weil sie weder dem einen noch dem anderen Vorschlag zustimmen wollten. Der siegreiche Vorschlag 2 hatte also – so paradox es klingt – mehr Gegner als Befürworter.” (S. 38)
5. Mitarbeiterverantwortung
Sie schreiben: “Ihre Unterstellung, dass „Mitarbeiter der Verantwortung als Pflicht enthoben werden“, deutet auf ein offensichtliches Missverständnis hin.” Nun, bestenfalls deutet das auf ein unterschiedliches Demokratieverständnis hin. Denn Sie selbst schreiben in Ihrem Buch: “Obwohl die Mitarbeiter für die Entscheidung nicht verantwortlich sind, …” (S. 64)
6. Fallstricke und Nutzennachweis
Welche Motive mich zu meiner Aussage von Fallstricken und nachzuweisendem Nutzen bringen? Na das hab ich doch geschrieben. Kurz wiederholt:
Die Methode birgt die Gefahr, die hinter dem vordergründigen Konflikt liegenden Fragen zu verschleiern.
Übrigens ist dies offensichtlich nicht meine Sicht alleine, sondern wurde auch von einem anderen Leser des Artikels, Markus Sikor, genauso erlebt (Kommentar #3).
Abschließend finde ich es bedauerlich, dass Sie der Meinung sind, ich würde mich “zum Richter aufspielen”. Da geht unser Demokratieverständnis schon wieder auseinander. Sie schreiben ein Buch. Ich kritisiere es. Das gehört für mich zu einem gesunden demokratischen Diskurs. Und damit spiel ich mich in Ihrem Erleben zum Richter auf. Schade.
Beste Grüße
Andreas Zeuch
Oktober 1st, 2012 at 2:55 pm
Hallo Herr Hilgenberg,
danke auch für Ihren Kommentar. Dazu folgende Frage:
Wenn sich in einem Unternehmen die MA für A entscheiden und dann anschließend der Chef A ablehnt und sich für B entscheidet, von mir aus auch begründet – warum sprechen Sie dann noch von Demokratie?
Kurz und knapp: Die Mehrheit will A, ein einzelner setzt B durch. Seit wann ist das Demokratie?
Mein Lesetipp für Sie: “Erfolgreich ohne Chef” von Gernot Pflüger. Herr Pflüger als Geschäftsführender Gesellschafter akzeptiert nämlich die Mehrheitsentscheidung auch dann, wenn er selbst als Chef anderer Meinung ist. Deshalb spricht er zu Recht in seinem Unternehmen von einer Wirtschaftsdemokratie. Das setzt aber voraus, sich als Chef der Mehrheit zu beugen.
Ansonsten Danke für den Hinweis auf den einen Schreibfehler. Dieses Missgeschick habe ich gerne korrigiert. Leider ist der Begriff des systemischen Konsensierens noch nicht in meiner automatischen Rechtschreibkorrektur gespeichert gewesen.
Mit besten Grüßen
Andreas Zeuch
Oktober 1st, 2012 at 3:03 pm
Hallo Ralle,
sorry dass ich Ihre Intelligenz beleidige, das liegt nicht in meiner Absicht. Ich erlaube mir, Kritik zu üben. Warum die nun abgrundtief dämlich ist – denn sonst könnte ich ja nicht Ihre Intelligenz beleidigt haben – ist mir noch nicht ganz klar.
Sie schreiben: “Mal unter uns: diese Marktforschung sollte natürlich gemacht werden und das Ergebnis allen Entscheidern bekannt sein.” Da stimme ich Ihnen 100% zu. Aber das Beispiel war eben so gestrickt, dass daraus nicht hervorging, ob die Streitenden diese Ergebnisse kennen – sofern es sie überhaupt gibt. Insofern finde ich meine Kritik an dem Beispiel respektive an dem Einsatz der Methode in diesem Beispiel nach wie vor gerechtfertigt.
Beste Grüße
Andreas Zeuch
Oktober 1st, 2012 at 3:09 pm
@alle, die mir Richtertum und Beleidigung unterstellen und anmahnen, erst einmal richtig schreiben zu lernen, bevor ich etwas “verurteile”:
Ich bin erstaunt, verblüfft und irgendwie auch ein wenig erschreckt. Zum demokratischen Diskurs gehört dazu, Kritik zu üben. Darauf hin kann gerne wieder Gegenkritik geübt werden. Dann ist man in einer Diskussion. Die sollte aber halbwegs sachlich geführt werden. Etwas sonderbar ist somit, dass hier offensichtlich reichlich emotionale Reaktionen dazu führen, den Kritiker zu verunglimpfen. Im Falle von Herrn Schrotta und Herrn Hilgenberg erkenne ich wenigstens noch den Mut, dass unter dem eigenen echten Namen zu tun. Immerhin. Im Falle von Ralle kommt dann noch hinzu, sich hinter einem Pseudonym zu verbergen.
Beste Grüße
Andreas Zeuch
Oktober 3rd, 2012 at 12:58 pm
Hallo Herr Zeuch,
es beruhigt mich, dass Sie Ihren Anspruch einer Buchbesprechung nun auf eine normale demokratische Diskussion zurückstufen. Dadurch sind Ihre markigen Sprüche wie “nicht intelligent”, “absoluter Nonsens“ und „vollkommener Unfug“ leichter hinzunehmen. Wer so formuliert darf nicht wehleidig sein, wenn er Widerspruch erntet.
Die Diskussion zeigt auch, dass wir im logischen Quadrat aus jeder Ecke beliebig lange fortsetzen könnten, wofür mir die Zeit fehlt. In einem Punkt kann ich Ihre Argumente nachvollziehen. Sie konnten nicht wissen, dass Herr Paulus das grüne Büchlein für seinen Kundenkreis bewusst schlank und leicht zu lesen konzipiert hat (2009 herausgebracht). Immerhin verzeichnet er dort in praktischen Anwendungen große Erfolge.
Das Buch WIE WIR KLÜGER ENTSCHEIDEN kam erst zwei Jahre später im Dez. 2011 heraus und dringt weitaus tiefer in die Materie ein (www.sk-prinzip.eu).
Damit beende ich meine Mitwirkung an dieser Diskussion.
Siegfried Schrotta
Oktober 4th, 2012 at 9:02 am
Sehr geehrter Herr Zeuch,
als einer der Autoren des von Ihnen besprochenen Buches klopfe ich mir eben reumütig an die Brust und denk mir: Sie haben Recht – das Beispiel war schlecht gewählt. Zu unserer Entschuldigung führe ich an, dass das SK-Prinzip zu der Zeit, als das Buch geschrieben wurde, ein noch junges Prinzip war und wir viele Erfahrungen, die wir heute haben, damals eben noch nicht hatten.
Aus unseren heutigen Erfahrungen heraus würden wir nämlich ein Problem von derartiger Tragweite (es geht schließlich um den Verkaufserfolg des neuen Automodells) niemals durch reines Auswahl-Konsensieren lösen. Um das genauer zu erklären: es gibt drei wesentliche Formen des Konsensierens
• Schnellkonsensieren http://www.sk-prinzip.eu/praxis/unterschiedliche-prozesse/article/8-arten-des-konsensierens/31-schnellkonsensieren–die-einwandfrage.html , um in (großen) Gruppen der gut vorbereiteten oder unwesentlichen Entscheidungen schnell zu einem Resultat zu gelangen
• Auswahlkonsensieren http://www.sk-prinzip.eu/praxis/unterschiedliche-prozesse/article/8-arten-des-konsensierens/35-auswahl-konsensieren.html , um unter (vorgegebenen) Lösungen auszuwählen, und
• Vertieftes Konsensieren http://www.sk-prinzip.eu/praxis/konsensieren-als-prozess.html , um sensible Probleme oder solche von großer Tragweite eingehend zu behandeln.
Vertieftes Konsensieren ist ein elfstufiger Prozess, in dessen Verlauf es beinahe undenkbar ist, dass die von Ihnen angesprochenen Probleme »Macht die Fragestellung oder Problembeschreibung überhaupt Sinn? Falls ja: Was sind die tiefer liegenden Annahmen, Haltungen, Werte, die den einzelnen Entscheidungen zu Grunde liegen? « nicht angesprochen werden.
So wird in der Stufe zwei des Vertieften Konsensierens nach einer übergeordneten Frage gesucht. Diese kann im betrachteten Fall wohl nur „Durch welche Farbgebung können wir den Verkaufserfolg des neuen Automodells optimal unterstützen?“ oder so ähnlich lauten. Schon dabei würde es wahrscheinlich offensichtlich, dass es nicht unmittelbar um Farbe geht, sondern um den Verkaufserfolg.
In Stufe vier des Vertieften Konsensierens werden Wünsche an eine gute Lösung gesammelt. Auch wenn ich kein Werbefachmann bin, würde mir sofort die Frage: „Ich wünsche mir eine Farbe, die dem Geschmack der voraussichtlichen Käuferschicht entspricht“ einfallen. Wenn dann Lösungsvorschläge gesucht werden, welche die vorgebrachten Wünsche an die gute Lösung optimal befriedigen, ist es bei diesem Wunsch beinahe unmöglich, eine spezielle Farbe als Lösung vorzuschlagen. Der Lösungsvorschlag „klären, wer die voraussichtliche Käuferschicht des Autos ist, und anschließend eine Studie über deren Geschmack“ scheint mir beinahe unvermeidlich.
Aber selbst wenn diese Chancen alle vertan werden, werden in Stufe sechs des Vertieften Konsensierens sämtliche Vorschläge nach Ihren Vor- und Nachteilen durchleuchtet. Falls hier wirklich nur spezielle Farben als Lösungsvorschläge vorliegen, kann ich mir wieder schwer vorstellen, dass nicht einer der Werbefachleute einen Nachteil anbringt, der irgendwie so lautet: „Solange wir die voraussichtliche Käuferschicht des Autos und deren Geschmack nicht kennen, können wir nicht beurteilen, inwieweit die von uns gewählte Farbe das gestellte Problem, den Verkaufserfolg des neuen Automodells optimal zu unterstützen, wirklich löst.“ (Auch im online-Tool auf http://www.konsensieren.eu ist das durchleuchten der Lösungsvorschläge mit Vor- und Nachteilen bereits vorgesehen)
Unserer Erfahrung nach werden Probleme durch Vertieftes Konsensieren wirklich grundlegend und in Tiefe behandelt. Ich bitte Sie dementsprechend, in Ihrer Kritik zwischen der – zugegebenermaßen nicht optimalen – Darstellung im Buch und dem Wert der Methode zu unterscheiden. Sollten Sie Fragen zum Vertieften Konsensieren haben (oder auch andere, welche das Systemische Konsensieren betreffen), stehe ich gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen,
Erich Visotschnig
Oktober 10th, 2012 at 8:39 am
Hallo zusammen,
Ähnlich wie Andreas irritieren mich die emotionalen Reaktionen auf seine Kritik zutiefst.
Ich möchte an dieser Stelle an den österreichischen Kybernetiker Hein von Förster erinnern, der einmal sagte: „Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden. Alle anderen sind bereits entschieden.“ Fragen nach meinem Geburtstag fallen beispielsweise unter die Fragestellungen, die nicht von uns entschieden werden müssen. Die meisten der Fragestellungen aber, und das sind auch die, die mit SK thematisiert werden sollen, müssen von uns entschieden werden. Sie sind unentscheidbar, weshalb es für diese zum Zeitpunkt der Entscheidung auch kein „richtig“ oder „falsch“ gibt. Zum Zeitpunkt der Entscheidung ist es eine Wette in die Zukunft. Erst nach einiger Zeit kann man diese Entscheidungen bewerten. Dann ist ein „richtig“ oder „falsch“, allerdings auch dann in vielen Fällen nur rein subjektiv.
Wenn also Fragestellungen prinzipiell nicht entscheidbar sind und damit auch die Entscheidungen nicht in „richtig“ und „falsch“ klassifiziert werden können, ist das bei den Methoden zum Herbeiführen dieser Entscheidungen ebenso der Fall. Es gibt nicht die „beste“ Methode. Daher ist auch bei den Verfechtern der jeweils speziellen Methode aus meiner Sicht ein bisschen mehr Demut gegenüber den Verfechtern anderer Methoden oder gegen Kritiker angesagt. Schießt man sofort scharf, versperrt man sich gegen Erkenntnisgewinn.
Ich habe mir auch das Einführungsvideo mit den Bergsteigern angeschaut. In diesem Beispiel ist es ja so, dass die jeweils von jedem Bergsteiger am wenigsten „gehasste“ Option dann als Konsens gewählt wird. Ich kann die Zahlen aber auch so drehen, dass einer der vier Bergsteiger die Konsensoption am meisten hasst, noch mehr als nie Trennungsoption. Was passiert dann? Sollte dann dieser Bergsteiger mit auf die gemeinsame Tour? Kaum einzusehen oder? Hier bin ich Gebhards Meinung, der das Thema Sinnkopplung ins Spiel bringt (Link: http://affenmaerchen.wordpress.com/2012/09/27/konsens-bahnhof-rechtsstreit/).
Des Weiteren sollten wir immer wieder bedenken, dass wir mit allen Methoden zur Entscheidungsfindung auf der rein rationalen Ebene verharren bleiben, da unsere Zahlen derzeit nichts anderes zulassen. Wie sie aber alle behauptet haben, spielt auch Emotionalität eine entscheidende Rolle beim Entscheiden. Dieser Diskurs würde jetzt zu weit führen. Deshalb verweise ich dafür gerne auf mein Logbuchder Reise des Verstehens (http://blog-conny-dethloff.de/?p=467 und http://blog-conny-dethloff.de/?p=1509).
Denkerische Grüße,
Conny Dethloff
Mai 9th, 2013 at 1:08 pm
schon bei einem oberflächlichen durchlesen ihrer Kritik um das systemische Konsensieren auseinanderzunehmen kann ich ihre Meinung keinesfalls teilen (cui bono ?). Wer zahlt sie dafür eine revolutionäre Methode zur demkratischen Entscheidungsfindung so schlechtzumachen ? Ich als Verschwörungstheoretiker wie er von den politisch korrekt verbildeten anständigen Bürgern wohl genannt werden wird, weiß sehr wohl aus welcher Ecke der Angriff kommt. Die Angst von Machtverlust bei den Mächtigen geht um, wenn einige Zinssklaven endlich verstehen wie die Matrix funktioniert wenn sie aufwachen. Wenn ein Akademiker irgendwelche Dogmen in der Universität verbreitet, die gewissen Interessensgruppen wirtschaftliche Vorteile verschaffen, dann nennt man das Wissenschaft. Wenn jemand jedoch tagtäglich in der Mediation tätig ist und weiß das eine Methode funktioniert, jedoch die Macht wieder in die Hände der Leute gibt welche es auch betrifft dann ist das Mist. Solche unrichtigen Kritiken wie sie hier verbreiten, nützen nur den Politik Darstellern die sich auf Kosten der Bürgen dieses Landes ein schönes Leben machen. Ist ja auch verständlich wenn man das macht, denn viele Bürgen glauben ja auch felsenfest das dies auch politisch korrekt ist. Haben Sie sich einmal gefragt wieso dazu fähige Eltern in Deutschland nicht erlaubt wird ihre Kinder selbst zu unterrichten ? Natürlich nur damit die Kindern zukünftig fähig sind etwas gutes zu lernen. Bösen Zungen behaupten allerdings der Grund wäre damit sie zukünftig jedes noch so dumme Dogma schlucken und gute Systemsklaven werden. Systemisches Konsensieren schickt sich an als reinigendes Gewitter unsere heutige unzulängliche politische Landschaft zu revolutionieren und die Parteisoldaten abzuschaffen. Zukünftig können auch normale Bürger und kleine Parteien Vorschläge machen die eine Chance haben sich durchzusetzen, weil sie dem Volk nützlich sind. Denn die Bürgen haben ein Recht darauf.