Vertiefung des Systemischen Konsensierens
Liebe Leserin, lieber Leser!
Mein letzter Blogbeitrag “Systemisches Konsensieren. Wie eine gute Idee dazu führt, Lernen zu vermeiden” hat insbesondere bei den Autoren und Anwendern der Methode große Wellen geschlagen. Die damit verbundene Diskussion findet Ihr im Kommentarbereich des genannten Artikels. Einer der Entwickler und Buchautoren, Erich Visotschnig, hat eine ausführliche und differenzierte Antwort auf meine Kritik geschrieben, die ich nun hier als neuen Blogbeitrag wiedergebe. Mit diesem Beitrag ist für mich nicht alles geklärt, aber doch Vieles.
Euch allen viel Spaß beim Lesen und hoffentlich neue Einsichten zur Methode des Systemischen Konsensierens.
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch

Der Mitautor des Buches und Autor des heutigen Beitrags, Erich Visotschnig
Als einer der Autoren des von Ihnen besprochenen Buches klopfe ich mir eben reumütig an die Brust und denk mir: Sie haben Recht – das Beispiel war schlecht gewählt. Zu unserer Entschuldigung führe ich an, dass das SK-Prinzip zu der Zeit, als das Buch geschrieben wurde, ein noch junges Prinzip war und wir viele Erfahrungen, die wir heute haben, damals eben noch nicht hatten.
Aus unseren heutigen Erfahrungen heraus würden wir nämlich ein Problem von derartiger Tragweite (es geht schließlich um den Verkaufserfolg des neuen Automodells) niemals durch reines Auswahl-Konsensieren lösen. Um das genauer zu erklären: es gibt drei wesentliche Formen des Konsensierens
- Schnellkonsensieren, um in (großen) Gruppen der gut vorbereiteten oder unwesentlichen Entscheidungen schnell zu einem Resultat zu gelangen
- Auswahlkonsensieren, um unter (vorgegebenen) Lösungen auszuwählen, und
- Vertieftes Konsensieren, um sensible Probleme oder solche von großer Tragweite eingehend zu behandeln.
Vertieftes Konsensieren ist ein elfstufiger Prozess, in dessen Verlauf es beinahe undenkbar ist, dass die von Ihnen angesprochenen Probleme »Macht die Fragestellung oder Problembeschreibung überhaupt Sinn? Falls ja: Was sind die tiefer liegenden Annahmen, Haltungen, Werte, die den einzelnen Entscheidungen zu Grunde liegen? « nicht angesprochen werden.
So wird in der Stufe zwei des Vertieften Konsensierens nach einer übergeordneten Frage gesucht. Diese kann im betrachteten Fall wohl nur „Durch welche Farbgebung können wir den Verkaufserfolg des neuen Automodells optimal unterstützen?“ oder so ähnlich lauten. Schon dabei würde es wahrscheinlich offensichtlich, dass es nicht unmittelbar um Farbe geht, sondern um den Verkaufserfolg.
In Stufe vier des Vertieften Konsensierens werden Wünsche an eine gute Lösung gesammelt. Auch wenn ich kein Werbefachmann bin, würde mir sofort die Frage: „Ich wünsche mir eine Farbe, die dem Geschmack der voraussichtlichen Käuferschicht entspricht“ einfallen. Wenn dann Lösungsvorschläge gesucht werden, welche die vorgebrachten Wünsche an die gute Lösung optimal befriedigen, ist es bei diesem Wunsch beinahe unmöglich, eine spezielle Farbe als Lösung vorzuschlagen. Der Lösungsvorschlag „klären, wer die voraussichtliche Käuferschicht des Autos ist, und anschließend eine Studie über deren Geschmack“ scheint mir beinahe unvermeidlich.
Aber selbst wenn diese Chancen alle vertan werden, werden in Stufe sechs des Vertieften Konsensierens sämtliche Vorschläge nach Ihren Vor- und Nachteilen durchleuchtet. Falls hier wirklich nur spezielle Farben als Lösungsvorschläge vorliegen, kann ich mir wieder schwer vorstellen, dass nicht einer der Werbefachleute einen Nachteil anbringt, der irgendwie so lautet: „Solange wir die voraussichtliche Käuferschicht des Autos und deren Geschmack nicht kennen, können wir nicht beurteilen, inwieweit die von uns gewählte Farbe das gestellte Problem, den Verkaufserfolg des neuen Automodells optimal zu unterstützen, wirklich löst.“ (Auch im online-Tool auf ist das Durchleuchten der Lösungsvorschläge mit Vor- und Nachteilen bereits vorgesehen)
Unserer Erfahrung nach werden Probleme durch Vertieftes Konsensieren wirklich grundlegend und in Tiefe behandelt. Ich bitte Sie dementsprechend, in Ihrer Kritik zwischen der – zugegebenermaßen nicht optimalen – Darstellung im Buch und dem Wert der Methode zu unterscheiden. Sollten Sie Fragen zum Vertieften Konsensieren haben (oder auch andere, welche das Systemische Konsensieren betreffen), stehe ich gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen,
Erich Visotschnig










Oktober 15th, 2012 at 3:36 pm
Im besprochenen kleinen Büchlein (von 2010) ist unter dem Titel “Kreative Kommunikation” das vertiefte Konsensieren bereits angeklungen. Daraus ist durchaus abzulesen, dass Konsensieren nicht anhand der allerersten Erklärung eines simplen Rechenbeispiels beurteilt werden kann.
Siegfried Schrotta