Zeit zu sterben!
Liebe Leserin, lieber Leser!
Gestern und heute gab es mehrere Meldungen zum drohenden Tod auch großer Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeine und der Financial Times Deutschland. Es sind Titel wie “Zukunft der Zeitung: Wer sterben und wer überleben wird” (Zeit Online), “Zukunft der FTD noch offen” (Handelsblatt Online) oder “Der Anfang vom Ende fürs bedruckte Papier.” (Spiegel Online). Jetzt, da die Einschläge deutlich näher kommen und die Erschütterungen des drohenden Untergangs nicht nur entfernt zu hören und damit zu überhören sind, sondern da das drohende Desaster kaum noch wegzuhalluzinieren ist, beginnt sich die Branche endlich die richtigen Fragen zu stellen. Vermutlich zu spät. Die Möglichkeiten der Erneuerung wurden mit mantrahaft penetranten Hinweisen auf den Qualitätsjournalismus und dilettierende Blogger lässig verschlafen. Ich behaupte: Es ist Zeit zu sterben. Und das ist gut so.
- R.I.P. Journalismus der alten Schule
Zu aller erst: Die Geschäftsmodelle. Warum reitet Ihr Zeitungsmacher, Herausgeber, (Chef-)Redakteure und Journalisten immer noch auf fast demselben, gut 100 Jahre alten Geschäftsmodell herum? Jetzt endlich taucht der Begriff “Geschäftsmodell” in Eurer Branche auf. Endlich fragt Ihr, warum bislang keine angemessenen neuen Geschäftsmodelle entwickelt wurden und seht darin fürs Überleben eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft. Besonders ironisch scheint der Fall der Financial Times Deutschland, die 12 Jahre lang nur rote Zahlen schrieb – als Wirtschaftszeitung (!), die für sich geballte Kompetenz in Sachen (Betriebs-)Wirtschaft in Anspruch nimmt. Das ist genauso tragisch wie komisch. Genau das stellt nun auch Wolfgang Münchau, einer der Mitbegründer der FTD fest, indem er zu Recht bemerkt, dass die Ressourcen zur Erneuerung des Geschäftsmodells ja da gewesen wären. Und natürlich: Diese Ressourcen sind immer noch da. Warum versucht Ihr, mit dem Rücken zur Wand, nicht einfach einen demokratischen Turn-Around wie seinerzeit Semco, jene mittlerweile berühmte Firma, die radikal anders wirtschaftet, als die Gralshüter konservativer Betriebswirtschaft das verlangen. Der Beweis ist geliefert: Semco hat seit seiner weitreichenden Managementinnovation innerhalb von 21 Jahren ein Wachstum von 5300% Umsatzsteigerung hingelegt. Ruft alle Eure Leute zusammen und entwickelt gemeinsam ein neues Geschäftsmodell und eine zukunftstaugliche Strategie. Diese Krise ist Eure große Chance!
Nicht minder wichtig: Die Arroganz des Qualitätsjournalismus. Wir haben sie oft genug gehört und gelesen, die Tiraden gegen uns Blogger und Nicht-Journalisten. Vor nicht allzu langer Zeit sprach selbst Joachim Gauck noch von „gelegentlichen Meinungs-Tsunami im Netz“, wo „jeder posten und pesten kann, wie er will“. (Tagesspiegel, 13.09.2012). Seit wann ist das ein spezielles Merkmal von Bloggern und anderen freien Publizisten? Was ist mit der täglichen Pest, die der Boulevardjournalismus verbreitet? Und sogar der selbsternannte Qualitätsjournalismus ätzt und pestet, nur deutlich subtiler. Wieso wurden bis heute nicht Kollaborationsmodelle zwischen Zeitungen und Bloggern entwickelt? Statt dessen wurde die Mauer zwischen den Fronten immer höher gezogen. So sind beispielsweise nach wie vor Links zu eigenen Blogbeiträgen in den Kommentarbereichen der meisten großen Zeitungen und Magazine verboten. Wie absurd. Wir könnten uns gegenseitig nutzen. Ich selbst habe darüber hinaus mehrfach erlebt, wie bei den mächtigen Zeitungen oder Nachrichtenmagazinen angestellte Journalisten bei Ihrer Recherche gerne Hilfe in Anspruch genommen haben, aber nicht auf die Idee kamen, etwas zurückzugeben. An einen Journalisten des SPIEGEL (ja, ja, immer schön in Kapitalschrift, fällt dann besser auf) kann ich mich noch namentlich erinnern. Gerne habe ich seine Recherche unterstützt. Als ich dann Hilfe gebraucht hätte, wurde ich stur und dauerhaft ignoriert. So macht man sich keine Freunde.
Überhaupt: Welche Dummheit steckt eigentlich hinter der Annahme, Blogger würden das Informationsuniversum nur zumüllen? Da bin ich mir nicht zu schade, einfach mein eigenes Blog als Beispiel zu nehmen: Ich blogge hier seit Jahren zu Themen, über die ich nicht nur promoviert, sondern auch vier Bücher geschrieben und rund 50 Fachartikel in Printmedien veröffentlicht habe. Dieses Blog ist für alle Interessierten eine Fundgrube an Informationen, die in der Verdichtung in keiner (Online-)Zeitung zu finden sind. Ich mache dies alles, ohne auch nur einen Cent direkt durch meine Arbeit hier zu verdienen. Es ist meine intrinsische Motivation, die mich immer wieder an die Tastatur treibt. Es ist meine Neugierde, mein Wille eigenständig zu denken und andere an diesen Gedanken teilhaben zu lassen. Und letztlich zumindest ab und an in einen Diskurs darüber zu kommen.
Nein, ich bin kein Pirat und glaube nicht naiv, “Content” müsse kostenlos sein. Keineswegs. Im Gegenteil. Zunehmend glaube ich, dass hochwertiger Content sehr wohl bezahlt werden sollte. Ich erlebe vor allem die reine Konsumentenhaltung, für intelligent erarbeitete und aufbereitete Inhalte nicht zahlen zu wollen, als Pest. Darin dürfte ich mit den meisten Zeitungsherausgebern, Redakteuren etc. einer Meinung sein. Allein: Mir ist es relativ egal, ob ich mit diesem Blog Geld verdiene oder nicht, es schließlich nicht meine Haupttätigkeit und wird es wohl auch nicht werden. Ich hätte ja längst Schritte unternehmen können, mein Blogger-Geschäftsmodell zu entwickeln. Für Euch Zeitungsleute aber geht es um mehr als die Wurst. Es geht um Euer Überleben. Und da müsst Ihr jetzt endlich kreativ werden.
Und genau in diesem Sinne gilt: Es ist Zeit zu sterben. Das schafft Platz für Neues.
Herzliche Bloggergrüße
Andreas Zeuch
Beispiele für Blogs, die das Boggerbashing Lügen strafen:
Affenmärchen – das Blog zum gleichnamigen Buch meines Kollegen, studierten Betriebswirts und langjährigen Beraters Gebhard Borck.
Faszination Mensch – das Blog meines Kollegen und promovierten Physikers Dr. Martin Bartonitz.











November 23rd, 2012 at 8:09 pm
Danke für Dein Kompliment, das ich gerne spiegeln mag.
Und ja, ich kann Deine Meinung unterstreichen. Mittlerweile scheint die Welt der Blogger mehr Vertrauen in Inhalte zu geben, als es der großen bunten Medienwelt vermögen. Ob da zu viel verlogen und verschwiegen wurde?
Ob die Journalisten, die nun auf die Straße kommen, nun auch Interesse an der neuen Arbeit bekommen könnten:
Nachlese: Neue Arbeit – neue Kultur – ein Vernetzungstreffen mit Prof. Frithjof Bergmann
VG Martin
November 25th, 2012 at 11:04 pm
Hier ist noch Jemand, der in das gleich Horn bläst:
http://ei-gude-wie.com/2012/11/25/vom-uberleben-traditoneller-printmedien-weiter-traumen/
November 28th, 2012 at 4:42 pm
Ich kann auch nur schmunzeln
Aber an Martin: Ich denke, dass es weniger ein inhaltliches, als ein mediales Problem ist.
Die schönsten, wahrsten und unverschwiegendsten Texte werden ignoriert, wenn das Medium zu unhandlich wird. Das hat es in der Mediengeschichte immer wieder gegeben. Das gedruckte Wort hatte (nach dem nur erinnerten und dem gemeißelten Wort) seine Zeit gehabt. Und es war eine gute Zeit, die die Menschheit nach vorn gebracht hat. Nun ist es zeit für den nächsten Schritt.
November 28th, 2012 at 4:49 pm
Hi Gilbert,
danke für den Kommentar. Ich stimme voll und ganz zu bezüglich Deiner Anmerkung zur Mediengeschichte.
Wenngleich es mit dem Papier auch noch nicht so ganz schnell zu Ende gehen wird. Wir Menschen müssen uns erst noch an das neue Medium gewöhnen. Noch bilden wir beispielsweise stärkere emotionale Bindungen zu Hardcopy Büchern, als zu elektronischen Fassungen, bzw. Datenträgern und Datendarstellungsgeräten. So zumindest das Ergebnis einer neuen Studie.
Herzliche Grüße
Andreas