Madmax – oder: Wie wir den Verkehrskollaps lösen
Liebe Leserinnen und Leser!
Heute Morgen las ich den Artikel “Dauerstress im Mammutstau” in der ADAC Motorwelt. Dort finden sich einige interessante Entwicklungen unserer Straßenverkehrslage in Deutschland:
- 595.000 Km – die Gesamtlänge aller Staus in 2012
- 290.000 Staumeldungen auf Schnellstraßen. Das entspricht fast
- 800 Meldungen täglich
- Der LKW Verkehr steigt jährlich um rund 4%
Daraus leitet der ADAC ab: “Unsere Fernstraßen brauchen Platz.” (ADAC Motorwelt 2/2013: 22). Und weil die Investitionen für den Straßenbau auf dem Stand von 2003 bleibt, kommt der möglicherweise mächtigste Verein Deutschlands zu folgender Schlussfolgerung: Der Verkehr nimmt zu, aber unsere Regierung unternimmt keine angemessenen Schritte, um dem drohenden Verkehrskollaps entgegenzuwirken. Mehr noch: Damit ist sogar die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in Frage gestellt. Das motivierte mich, den weithin unbekannten Spin-Doctor der Automotive-Lobby, Ferdinand Freihuber, zu dem Thema zu interviewen:
Ich: Guten Morgen Herr Freihuber! Wie schätzen Sie die augenblickliche Lage unserer Verkehrsinfrastruktur und was sollte daraus folgen?
Ferdinand Freihuber: Herr Zeuch, die Rechnung ist sehr einfach, jedes Kind versteht sie: Mehr Verkehr erfordert mehr und bessere Straßen. Schließlich droht uns Übles, und das sage nicht ich aus meiner Rolle, sondern das kommt von der Regierung selbst. Die Bund-Länder-Kommission fürchtet in ihrem Abschlussbericht zur “Zukunft der Infrastrukturfinanzierung” einen “massiven Ausfall” von Strecken. Das wäre natürlich nur für den Privat- und für den Transportverkehr einigermaßen horrend.
Ich: Warum?
FF: Ich bin nicht besonders phantasievoll und doch sehe ich jetzt schon erschreckend leere Regale in unseren Lebensmitteldiscountern, die täglich frisch beliefert werden müssen, denn schließlich gibt’s ja jetzt fast überall Bio. Ich sehe Tankstellen denen der Sprit ausgeht, lange Schlangen davor, Menschen, die einen der für lange Zeit letzten Tropfen ergattern wollen und -
Ich: Das klingt nach einem Szenario wie bei Madmax.
FF: Kenn ich nicht, welcher Max? Egal. Fakt ist: Vieles wird knapp, aber der Schwarzmarkt für Waffen wird explosionsartig wachsen. Die gute Nachricht dabei: Auch der legale, denn zuvor verzeichnen wir enorme Eintrittsraten in unseren Schützenvereinen.
Ich: Interessant. Wie steht es denn um unsere individuelle Mobilität, die ist doch ein Kern unserer neuen, globalen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung.
FF: Gut, dass Sie das ansprechen: Unsere mondän mobile Jugend, unsere High-Potential Hoffnungsträger, die sind heute mit durchschnittlich 25 Jahren schon auf allen Kontinenten gewesen, was Dank der Billigfluglinien mittlerweile gut möglich ist. Wenn nun unsere Straßen und Bahnnetze teils kollabieren, wird diese für globales Arbeiten zentrale Erfahrung unmöglich. Und noch schlimmer: Wir werden wieder zu Fuß gehen müssen. Leider haben viele der modernen Teens und Twens zwar als Digital Natives hervorragende Fähigkeiten im Umgang mit Computern, beherrschen feinmotorisch fordernde Pinch-to-zoom Gesten, aber mit dem Gleichgewicht auf dem Fahrrad haben die es nicht mehr so. Und – so eine neueste Studie – mit dem Laufen längerer Strecken sind sie schnell an ihrer Leistungsgrenze, nach durchschnittlich 7 Kilometern zeigten sich massive Blutblasen, die ein Weiterkommen fast unmöglich machten.
Ich: Uns droht Immobilität?
FF: Genau.
Ich: Nun, das ist doch eine Forderung der Postwachstumsökonomie: Dass wir uns auch in der Mobilität einschränken und vor allem auch wieder mehr auf regionale Wirtschaft und deren Kreisläufe setzen. Das hat Niko Paech in seinem Buch “Befreiung vom Überfluss“, wie ich finde, ganz gut dargestellt. Könnte also die Krise nicht auch eine Chance sein?
FF: Nein.
Ich: Aber ist es nicht sowohl ökologisch als auch gesundheitlich fraglich, dass wir im Winter Erdbeeren aus China und Spargel aus Peru einfliegen lassen?

Das winterliche Obst- und Gemüseangebot postmoderner Lebensmittlediscouner. Foto ©Andreas Zeuch, 2013
FF: Nein.
Ich: Essen Sie Erdbeeren im Dezember? Ich dachte immer – verzeihen Sie – ältere Herrschaften hätten noch ein natürliches Verhältnis zu den Jahreszeiten und Ihren Lebensmitteln.
FF: Ich liebe Erdbeeren mit Schlagsahne. Und bei mir sprießt der Spargel nicht nur im Mai.
Ich: Verstehe. Entschuldigen Sie die etwas dusselige Frage.
FF: Jugendsünden. Auch Sie werden noch das Leben genießen lernen.
Ich: Danke, das macht Mut. Zurück zum Thema: Hat dieser potentielle Kollaps -
FF: Der kommt, da ist nichts “potentiell”, junger Mann.
Ich: Nun gut, gehen wir davon aus, er kommt. Welche weiteren Auswirkungen wird dieser Kollaps dann noch haben, außer inländische Versorgungsprobleme?
FF: Das ist das Schöne an meiner Arbeit. Die Zusammenhänge sind so herrlich klar und einfach. Unsere Wettbewerbsfähigkeit wird katastrophal abnehmen, wir werden zu den Verlierern der Globalisierung. Wenn unsere effizienten Logistikketten leiden, werden unsere Produkte noch teurer, brechen die Ketten zusammen, können wir nicht mehr produzieren. Dann sind nicht nur die Regale leer, sondern auch unsere Geldbörsen.
Ich: Ein echtes Horrorszenario!
FF: Ja.
Ich: Mir scheint, Sie haben ein exquisites dramaturgisches Talent. Vielleicht könnten Sie nach Ihrem Ausscheiden als Lobbyist bei Hollywood als Drehbuchautor Ihr Glück versuchen.
FF: In der Tat, ich habe bereits vor kurzem einen Vertrag mit Warner Brothers abgeschlossen.
Ich: Gratulation! Fassen Sie für uns bitte kurz die Problemlage und die vielversprechendste Lösung zusammen.
FF: Der Verkehrskollaps kommt. Die Rechnung ist simpel. Steigender Verkehr bei gleichbleibenden Verkehrs-Investitionen seit 2003. Ergo hilft nur eine radikale, schnelle Änderung unserer diesbezüglichen Investitionen. Das ist alternativlos. Jetzt ist die Politik gefragt. Ich bin schon dran, sehr dicht. Mehr möchte ich hier nicht sagen.
Ich: Herr Freihuber, vielen Dank für das Gespräch.
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch
Quelle
Eicher, C. (2013): Dauerstress im Mammutstau. ADAC Motorwelt, 2/2012: 20-26











Februar 12th, 2013 at 1:33 pm
Machst Du eine Fortsetzung am 1. April
Und ja, es wird Zeit zum Umdenken. Hier ist ein sehr interessanter Artikel dazu:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kapitalismus/protokoll-einer-zukunftsvision-das-system-versagt-12057446.html
Herzlich, Martin
Februar 12th, 2013 at 2:21 pm
Hi Martin,
klar, am 01.04. folgt die Fortsetzung
Danke für das Link, spannender Artikel.
Herzliche Grüße
Andreas