Wikipedia: Wie Nichtwissen multipliziert wird
Natürlich kennen Sie Wikipedia. Wenn nicht, dann klicken Sie einfach hier und lernen sie dieses interaktive Lexikon im Internet kennen. Entdecken Sie, wie jedermann Begriffe wie „Intuition“ und tausende von anderen Wörtern mit definieren kann und darf.
Für mich ist dieses Phänomen einer kollektiv gestalteten Enzyklopädie unter der Perspektive von Nichtwissen außergewöhnlich interessant. Von den einen wird „Wiki“ (in der liebevollen Kurzform) als neue demokratische Form von Wissenserzeugung gefeiert, während andere dieses Vorgehen doch eher kritisch sehen. Um es vorwegzunehmen: Ich stimme natürlich beiden Seiten zu, ein deutliches sowohl als auch!
Wissen, Halbwissen & Gar-nicht-wissen
Die beiden Grundmechanismen, wie Nichtwissen entsteht, sind im Grunde einfach: Bei Wikipedia kann jeder sein „Wissen“ ins Netz stellen und wird dann von tausenden Interessierten gelesen. Auf welcher Grundlage dieses Wissen basiert, ist dabei völlig unerheblich. Schließlich besteht der Witz ja darin, dass man eben keine Eingangs-Expertenprüfung bestehen muss, um schreiben zu dürfen. Somit ist allen Bullshittern, Dilettanten und Möchtegern-Wissenden Tür und Tor geöffnet, ihr profundes Halb- oder Gar-nicht-wissen auf hochpotente Weise zu multiplizieren.
Darüber hinaus finden natürlich auch die üblichen Schlammschlachten von Kontrahenten statt, die die virtuelle Plattform als neue Bühne nutzen, um ihre Konkurrenzkämpfe auszufechten – Die Edit-Wars: Da werden Beiträge anderer gelöscht, Links verschwinden (ist mir selber passiert: irgendjemand hat penetrant immer wieder ein von mir gesetztes Link gelöscht) und anderer intelligenter Späße mehr. Sie sehen: Eine weitere Möglichkeit, Nichtwissen aktiv zu produzieren.
Offenheit: Schwäche und Stärke zugleich
Für Wikipedia spricht wiederum die aktive Erzeugung von Nichtwissen in von Experten kontrollierten Medien: Das, was der Experten- oder wissenschaftlichen Gemeinschaft gerade nicht in den Kram passt (oder ins Paradigma, um mit Thomas Kuhn zu sprechen), wird einfach ausgeblendet. Aus der (Wissenschafts-) geschichte kennen wir alle genügend Beispiele: Gallileo, Keppler, Kopernikus etc. Es gilt der Einfachheit halber die Palmström‘sche Weisheit: „Was nicht sein darf, das nicht sein kann“. Heute könnten Gallileo und Co. einfach ihre genialen Einsichten ins Netz stellen und jeder könnte sie lesen.
Da stellt sich nur die größte aller Preisfragen: Wie können wir in einem anarchisch strukturierten Internet Qualität sichern und destruktiv wirkendes Nichtwissen vermeiden?
Ihnen einen angenehmen November
Andreas Zeuch
Link zum Thema
Heinz Koch: Wikipedia und weltanschauliche Kämpfe










November 29th, 2006 at 4:00 pm
Grüße der 2. Ordnung an Galileo und Co.!
Dezember 14th, 2006 at 1:24 pm
hi rattus,
das bedarf der erklärung, bin im moment überfordert, was du mir oder den lesern sagen willst…
ansonsten finde ich es irgendwie hipper, wenn ich einen namen habe, mit dem ich hier im blog jemanden anrede. ist natürlich sehr witzig, dein konstruktivismus – spiel in deinem blog…
gruß, az
März 23rd, 2007 at 10:07 am
Die Frage, die sich mir stellt: Die Qualität von was sichern? Die Qualität des Wissens oder der Wissensproduktion? Die Qualität der kollektiven Denkprozesse und Wissensinteraktion?
Ich freue mich wahnsinnig über Dein Bemühen, das Nichtwissen abzusichern. Sollen sich die anderen doch um die Krümel balgen. Die Frage danach, wie sich die Qualität des Nichtwissens schützen und sichern lässt erfüllt mich mit unbändiger Sehnsucht. Wenn letzteres das Schützen braucht.
Die Zäune, die altes, quasibekanntes Gelände abstecken, schau’ ich mir lieber von Aussen, denn von Innen an. In tiefem Respekt und Dankbarkeit gegenüber jenen, die sich um Wahrhaftigkeit und Genauigkeit in der Sache im Innern bemühen. Wie Du hier in Deinem Beitrag.
Eine fähiges Tun, das mir nicht eignet, von dessen vorläufigen Ergebnissen ich aber abhängig bin, weil sie mich ernähren.
Nun habe ich also keine Antworten auf Deine Fragen, die sich als eine tarnen. Nur neue Fragen und hoffnungsvolle Verweise auf’s Unbekannte.
Eine antwortende rhethorische Frage vielleicht: Kann Nichtwissen jemals destruktiv sein? Ich bin mir sicher: nein.
Juni 11th, 2007 at 9:32 pm
Lieber Martin,
danke fuer deine Zeilen! Zu deiner Frage: natuerlich beides, Wissensproduktion und in der Folge das Wissen selbst. Ansonsten glaube ich sehr wohl, dass es auch destruktives Nichtwissen gibt.
Denk nur einmal an all jene Quacksalber, die sich fuer Heiler halten und Menschen behandeln, die zu ihnen kommen und dann hinterher mit mehr Problemen nach Hause gehen, als sie vorher hatten. Da bin ich im grossen und ganzen doch ueber die Schulmedizin froh. Vor ein paar hundert Jahren waehren wir noch einige Jahre frueher verstorben und haetten nicht die Lebensqualitaet von heute. Und jetzt hoere ich schon alle selbsternannten Heiler, Hexen etc. schreien… Komischerweise nutzen die meisten von denen dann doch allerlei komfortable Technik, wie Telefone, moderne Fortbewegungsmittel wie Strassenbahnen, Eisenbahnen, Autos, Fahrraeder, die allesamt ohne Wissenschaft etc. nie moeglich geworden waeren – eben ohne geprueftes und gesichertes Wissen.
Oder denke an Konstruktionsfehler in der Architektur, die zu katastrophalen Zusammenbruechen fuehren – eben auch Nichtwissen im Sinne von Irrtuemern, einer Unterart von Nichtwissen.
Dir liebe Gruesse aus Cortes Island/Kanada
Andreas