Lohn der Polemik
Offener Brief an Fredmund Malik

Lieber Herr Malik,
vor kurzem viel mir in der Bibliothek eines Kollegen Ihr Buch „Führen, Leisten, Leben“ auf. Spätestens seit Ihrem herzerfrischend polemischen Artikel „Aus dem Bauch - gegen die Wand“ in einer Ausgabe des Handelsblatts im Jahre 2001 ist mir Ihre Kritik an (all zu) intuitivem Management bekannt. Also blickte ich kurzerhand in das Register Ihres Buches und fand tatsächlich das Wort „Intuition“.
Da es sich - wie man an diesem Blog unschwer erkennen kann - um meine Profession handelt, Intuition kritisch im Kontext von Wirtschafts- und Arbeitsleben weiterzuentwickeln und zu reflektieren, kann ich mir einige Bemerkungen nicht verkneifen.
Das erste Mal taucht Intuition auf Seite 163 im Zusammenhang mit der Interaktion von Geist und Gehirn auf. Sie schreiben, dass dieses „Gebiet … wohl wegen seiner Faszination auch eines der beliebtesten Tummelfelder für pseudowissenschaftlichen Schwachsinn (ist).“ Ich stimme Ihnen aus tiefster Überzeugung zu - und frage mich gleichzeitig, ob der Schuss nicht daneben geht. Diejenigen, die da unangemessen herumphilosophieren und ihr Halbwissen verbreiten, brauchen wir doch gar nicht ernst zu nehmen. Und soo viel schlechte Literatur über Intuition im Business gibt es nun auch wieder nicht.
Auf Seite 205 werden Sie über Ihre vorherigen kernigen Bemerkungen hinaus dann etwas genauer: Sie räumen ein, dass es so „etwas wie Intuition und mit ihr verbunden ein starkes Gefühl der subjektiven Gewissheit“ gibt. Ich würde an dieser Stelle vorschlagen, noch präziser hin zu schauen. Die Intuition, die Sie beschrieben haben, ist nur eine von vielen möglichen Erscheinungsformen. Gerade eine professionalisierte Intuition kann nur als Hypothese und nicht als reflektorischer Instinkt verstanden werden, dessen wir uns sicher sein können.
Ein paar Zeilen weiter schreiben Sie, dass subjektive Gewissheit ein gefährlicher Ratgeber ist, denn sie kann genauso falsch wie richtig sein. Wohl wahr. Aber inwiefern unterscheidet sich von diesem Risiko eine verstandesgesteuerte Entscheidung, die bekanntermaßen ebenfalls häufig ins Desaster führt? Wenn Sie aus dieser Argumentation heraus fordern, dass sich Führungskräfte nicht auf Ihre Intuition verlassen dürfen, dann frage ich mich, wieso sie sich auf Fakten und logische Schlussfolgerungen verlassen sollen? Woher wissen wir, dass die Zahlen, Daten, Fakten, die wir zur Grundlage unserer logischen Operationen machen, korrekt sind? Und wie schließen wir mit Sicherheit einen logischen Trugschluss aus?
Besonders spannend wird es dann ab Seite 221f, wo Sie Ihren geneigten Lesern plötzlich raten, sich auf ihre innere Stimme zu verlassen. „Wenn aber meine innere Stimme deutlich sagt: „Hier stimmt etwas nicht“, würde ich jede Möglichkeit wahrnehmen, noch einmal von vorne zu beginnen.“ Ups, ich staune nicht schlecht. Das finde selbst ich ein wenig gewagt und arg allgemein formuliert. Plötzlich mangelt es Ihnen am kontextspezifischen Blick: Sie würden „jede“ Möglichkeit wahrnehmen - tatsächlich jede? Und das nur, weil Sie an die subjektive Gewissheit Ihrer Intuition glauben, die Sie gerade mal 17 Seiten vorher zu demontieren versuchten? Damit nicht genug: Sie würden auch gleich noch „von vorne“ beginnen. Warum dieser radikale Schritt? Wäre es nicht etwas umsichtiger (und professioneller), erst einmal genauer hinzuschauen: auf Ihre Intuition respektive innere Stimme und auf das, worauf sie sich bezieht? Irgendwie beißt sich diese Sicht mit Ihrer ein paar Zeilen später gegebenen Empfehlung „äußerster Zurückhaltung“.
In der Zukunft würden Sie mich überraschen, wenn Sie einen fundierteren und vor allem differenzierteren Blick auf Intuition in professionellen Kontexten werfen würden. Aus meiner Sicht ist das Thema zu komplex und vor allem zu bedeutsam (auch im Sinne intuitiver Fehlurteile), um es so ruck zuck abzuhandeln. Natürlich erwarte ich von Ihnen kein Grundlagenwerk über Intuition im Business, schließlich sind sie Management- und nicht Intuitionsexperte. Aber vielleicht etwas mehr Bescheidenheit über ein Thema, dass mehr ist, als eine Randnotiz.
Mit besten Grüßen nach St. Gallen
Andreas Zeuch
Hörtipp:
“Das Abenteuer Intuition” - Podcasts von Dr. Andreas Zeuch










Juni 15th, 2007 at 7:40 pm
Lieber Herr Zeuch,
zumal ich selbst mich schon sehr lange mit Intuition beschäftige, frage ich mich, woher Sie die Gewissheit nehmen, dass Ihre eigenen Überlegungen zu Intuition besser sind als die anderer Leute. Immerhin geht es hier um etwas, was man letztlich nur über Selbsterfahrung erfahren und was man nur limitiert für andere nachvollziehbar beschreiben kann. Könnte es sein, dass der Kontext, in dem Malik auf Intuition eingeht, mit völlig anderen Bezüglichkeiten einhergeht, als Sie intuitiv vermuten? Ist es so, dass Sie intuitiv verstehen, wie Maliks Aussagen zu interpretieren sind und warum schreiben Sie ihm einen offenen Brief, anstatt ihn zu fragen?
Meine Intuition sagt mir, dass Sie das intuitiv gar nicht wollten und selbstverständlich kann ich da mit meiner Intuition und meinem Verständnis davon genauso falsch liegen wie Sie oder Malik. Also fragte ich mich intuitiv, was es mit Ihrer Intuition und Intention auf sich hat, anderen Leuten raten, wenn nicht gar zu verbieten, über Dinge zu schreiben, über die sie eben schreiben. Überhaupt wenn es solche sind, von denen letztlich niemand Gewissheit haben kann, welche es sind. Offen gestanden kenne ich auch kaum Führungskräfte, die so viel Zeit und Energie haben, sich so intensiv mit Intuition zu beschäftigen, wie es Ihnen möglich ist. Intuitiv denke ich mir, Malik wird seine Leser so gut kennen, dass er weiss, was sie sich fragen und was er ihnen zumuten kann. Vielleicht weiss er auch, denke ich mir so intuitiv, dass seine Leser in erster Linie an SEINER Meinung interessiert sind und nicht unbedingt daran, dass er nur über Dinge schreibt, in denen ihm seine Expertenstellung kaum abzusprechen ist.
Ich hatte einen großartigen und berühmten Lehrer aus der Hirnforschung. Er hätte zu diesem Problem gesagt, dass wohl ein jeder nur Experte für seine eigene Intuition sein kann. In diesem Sinne - lassen Sie andere Leute doch schreiben, was sie wollen. Rein intuitiv denke ich mir, es würde doch gewiss auch Sie stören, würde man Sie in Grenzen verweisen, die andere für Sie entschieden haben.
Mit gutem Gruss
vom Baume gefallen
und doch noch nicht ganz reif…
Juni 16th, 2007 at 2:12 am
liebes streuobst,
kritik finde ich gut,
1. solange sich der kritiker (die kritikerin??) nicht hinter mehr oder minder originellen pseudonymen versteckt und
2. das, was gepredigt, auch eingehalten wird. mir zu sagen, ich solle andere schreiben lassen, was sie wollen ist ja ein herrliches paradox, finden sie nicht? oder ist es ihnen nicht aufgefallen?
mit frugalen gruessen
andreas zeuch
Juni 16th, 2007 at 9:49 am
so paradox scheint mir das gar nicht. es ist vielmehr in demokratien ein unbestrittenes ethisches prinzip, die eigene freiheit dort einzugrenzen, wo die anderer beginnen muss. ich habe sie einzig darum gebeten, sie dazu eingeladen. um meinungsfreiheit könnte es in diesem fall gehen und damit um ein menschenrecht. ach, und weshalb verstecke ich mich hinter einem pseudonym? ist die gefahr nicht unendlich gross, dass man umso mehr verkannt wird, je mehr man sich preisgibt… ?
Juni 14th, 2008 at 10:55 pm
Eines Tages ging Soshi mit einem Freund am Ufer eines Flusses entlang.
“Wie herrlich genießen die Fische ihr Dasein im Wasser “, rief Soshi aus.
Daraufhin entgegnete ihm der Freund: “Du bist kein Fisch, also woher weißt du, ob die Fische ihr Dasein genießen?”
“Du bist nicht ich”, erwiederte Soshi, “also woher weißt du, dass ich nicht weiß, ob die Fische ihr Dasein genießen?”
Kakuzo Okakura, japanischer Philosoph
Juni 18th, 2008 at 10:34 am
liebe frau schweyer,
danke für die anregung. hier meine nicht-antwort:
Ein Mann kam zu Tao-hsin, warf sich vor ihn auf den Boden und
sagte “Lehre mich die Wahrheit.” Tao-hsin reagierte nicht,
daraufhin der Mann “Sag mir, wo ich suchen muss.” Als er wie-
der keine Antwort bekam, flehte er “Ist das Leben den wirklich
so leer?” Tao-hsin schüttelte den Kopf. Der Mann stand auf und
ging.
Später sagte Tao-hsin “Ich hätte nicken sollen.”
beste grüße
andreas zeuch
Oktober 16th, 2008 at 8:15 pm
lieber herr zeuch,
auch mir begenet diese Erfahrung in meinem Leben immer wieder.
Später, hinterher, nachher weiss ich besser, ob mein tun, angemessen,
zielführend, bzw. richtungweisend, war.
worauf kommt es an
die richtigen Antworten zu haben
oder
die richtigen Fragen?