Professionelle Führung – Irrwitzige Berateransichten
Liebe Leserin, lieber Leser!
Im September/Oktober 2008 führte die Firma Train Consulting in Österreich mit den Experten der Karmasin Motivforschung die Studie “Positiv Führen” zum Führungsverhalten österreichischer Führungskräfte durch.
Ein Ergebnis lautete: “Die Führungskräfte … sind … etwa nur zu 15% der Meinung, dass sie sich ‘immer genau überlegen, warum (sie) bestimmte Führungsinstrumente einsetzen’. Oder dass sie gar nur zu 22% ‘entscheiden, wenn sie ausreichend Informationen über eine allfällige Entscheidung eingeholt haben’. Man fragt sich, auf Grund welcher Parameter der große Rest seine Entscheidungen trifft… ” (Seite 4 des Studienauszugs, kursiv AZ)
Da erliegt wohl gerade jemand einem gewaltigen Irrtum…
Tja, was soll ich sagen? Ganz ehrlich, liebe Beraterkollegen und -kolleginnen: Ist das irgendwie verwunderlich? Glauben Sie ernsthaft, dass auch nur in der Hälfte der Fälle halbwegs umfassende Daten einzuholen sind bevor eine Entscheidung getroffen wird? Sollten Sie überhaupt der Illusion der vollständigen Information unterliegen? Das erinnert an den im wahrsten Sinne göttlichen Dialog mit der Bombe 20 im Film “Dark Star”:
Der Witz dabei: Auf der Homepage der Firma “Karmasin Motivforschung” findet sich zu Zeit folgender Text: “Verdoppelung des Datenverkehrs bis 2011. Eine Untersuchung der Karmasin Motivforschung unter 200 Klein- und Mittelunternehmen (KMUs) ergab das 67 % der Befragten bis ins Jahr 2011 mit einer Verdoppelung der Datenflut rechnen.” Könnte das nicht ein gewisser Widerspruch zu der geforderten Informiertheit sein – vor allem, wenn sich die Produktionszyklen immer weiter verkürzen?
Einer der Tipps zur Professionalität lautet dann auch noch: “Professionalität: eine solide Wissensbasis für das konkrete Führungshandeln. Das bedeutet: immer zu wissen, warum man etwas tut.” (a.a.O., Seite 7, kursiv AZ). HILFE! Wie, bitte schön, soll das denn gehen? Das würde ja bedeuten, dass der Entscheider oder die Entscheiderin immer vollständig über die eigene Informationsverarbeitung informiert ist. Um dieses vollkommene absurde Ziel zu erreichen, müsste jeder alle Prozesse, die zur Entscheidung geführt haben, bewusst machen. Wie soll das gehen? Ach ja: Die göttliche Führungskraft, so wie Bombe 20…
Damit wird jeder destruktiven Legitimation das Wort geredet. Der Zusammenhang gestaltet sich folgendermaßen: “Wir wissen mehr als wir sagen können.” (Polanyi), was bekanntermaßen empirisch-wissenschaftlich belegt ist (bei den Durchführenden der Studie indes noch nicht angekommen zu sein scheint). Wenn dann jemand fordert, eine Entscheidung zu begründen, werden die Gefragten Begründungen erfinden! Was wiederum aus diversen experimentalpsychologischen Studien hervorgeht. Außerdem neigen Menschen dazu, ihr Wissen reichlich zu überschätzen. Das nennt sich dann die “Illusion der Erklärungstiefe“.

Michael Polanyi
Und mit diesem falschen mentalen Modell, das meistens nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, laufen dann die zur Begründung gezwungenen in der Gegend herum – und führen sich und andere mit einem fehlleitenden mentalen Modell. Aber nicht dorthin wo sie glauben, sondern in die Irre.
Und das im Jahr 2008, 201 Jahre nach Hegels Phänomenologie des Geistes und 23 Jahre nach Polanyis Standardwerk “Implizites Wissen”. Die Renaissance der Kontrolle über unsere bewusste und unbewusste Informationsverarbeitung. Und das auch noch im Duktus einer wissenschaftlichen Studie, um Führung zu professionalisieren. Autsch!
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch










November 24th, 2008 at 11:42 am
Hallo Herr Zeuch,
im großen und ganzen gebe ich Ihnen Recht. Man kann in der heutigen komplexen Welt niemals vollständige Informationen haben. Aber ganz so schmerzhaft scheinen mir die Zitate der Studie auch wieder nicht.
Punkt 1: “…nur zu 22% entscheiden, wenn sie ausreichend Informationen über eine allfällige Entscheidung eingeholt haben”. Es ist gar nicht die Rede von “vollständiger” Information, sondern nur von “ausreichender” Information. Und ist es nicht wünschenswert, wenn Führungskräfte versuchen, vor einer Entscheidung ausreichende Informationen zu berücksichtigen? Was machen Sie, wenn eine wichtige Entscheidung ansteht?
Punkt 2: Hier ist nicht die Rede von Information, sondern vom Einsatz von Führungsinstrumenten – das ist ein anderes Thema! “… etwa nur zu 15% der Meinung, dass sie sich immer genau überlegen, warum (sie) bestimmte Führungsinstrumente einsetzen”. Hier ist die Frage, was die Autoren mit “immer” und “genau” meinen. Bedeutet “immer” “in jeder Situation”? Das wäre in der Tat völlig praxisfern. Aber ist es nicht grundsätzlich wünschenswert, dass Führungskräfte die Führungsinstrumente situations-angemessen anwenden?
Herzliche Grüße
Gerald Petersen
Mai 5th, 2009 at 7:27 pm
[...] kann. Das jedoch ohne die dahinterliegenden Regeln bewusst formulieren zu können. Das meinte Michael Polanyi mit seinem Satz “Wir wissen mehr, als wir sagen [...]