Ein Fall von Nichtwissen (2): Die Schaeffler-Pleite
Liebe Leserin, lieber Leser!
Es scheint eine gewisse Ironie darin zu liegen, dass ich den zweiten Teil meiner Blog-internen Artikelreihe über Fälle von Nichtwissen wieder über die unglückliche und bislang ganz und gar nicht erfolgreiche Fusion der Schaeffler KG mit der Continental AG schreiben kann.
Im ersten Beitrag dieser Reihe stand Herr Wennemer, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Continental AG im Fokus. Diesmal lohnt ein Blick auf Frau Schaeffler und deren Vorsitzenden der Geschäftsleitung, Herrn Dr. Geißinger. Beim letzten Mal mutmaßte ich spaßenshalber, ob Frau Schaeffler die Idee mit der Anschleichtaktik intuitiv unter der Dusche oder beim Joggen hatte. Nun, so oder so: Eine besonderes brilliante Idee scheint es jedenfalls nicht gewesen zu sein. Egal ob bewusst kalkulierend oder intuitiv. Denn: Die internen Prognosen und Erwartungen, wie das Spiel laufen wird, sahen wohl Einiges nicht voraus.

Vorsitzender der Geschäftsführung der Schaeffler KG, Dr. Geißinger
Die augenblickliche Situation ist reichlich ungemütlich: Schaeffler und Continental haben insgesamt durch die beiden aufeinanderfolgenden Aufkäufe 22 Milliarden Euro Schulden. Was auch daran lag, dass sich die schlauen Anschleicher mit dem witzigen Code von “Paul kauft Emma” mächtig in der Wertentwicklung der Continental AG verschätzten: Schaeffler kaufte die Aktien im Wert von 75,- € / Stück. Heute, am 04. Februar 2009 um 15.15 Uhr liegt der Wert bei 13,93 €. Somit ist das Unternehmen heute weniger als ein Fünftel dessen wert, zu dem es gekauft wurde.
Von der trickreichen Heldin zur Befehlsempfängerin: Wie in der aktuellen Wirtschaftswoche Nr. 6 zu lesen ist, wird bereits gemunkelt, dass sich die Schaeffler finanzierenden Banken einen weitreichenden Zugriff auf das 5 Milliarden Euro umfassende Privatvermögen von Frau Schaeffler gesichert hätten. Damit wird Frau Schaeffler eher zur Befehlsempfängerin der Banken, ähnlich wie vor kurzem Adolf Merckle. Und natürlich auch zur Bittstellerin um einen überaus berechtigten staatlichen Rettungsfallschirm.
Es ist und bleibt erstaunlich: Wie können Top-Manager und Inhaber von ehedem erfolgreichen Firmen ihren eigenen, wohlverdienten Erfolg zerstören? In der so unsäglich illusionären Annahme, große Deals wären planbar, Erfolg wäre nur eine Frage zu kontrollierender Paramenter, die natürlich alle zu kalkulieren seien. Jegliche rationale Wahrscheinlichkeitsrechnung spricht gegen den Erfolg von (Groß-)Fusionen, und trotzdem bleiben sie einer der beliebtesten Wachstumsbooster in der Wirtschaft.
Nachtrag vom 13.05.2009: Aktuell findet sich in der Zeitschrift Impulse der Artikel “Schaeffler geht ans Eingemachte“: Zur Zeit sollen 4500 Stellen gestrichen werden. Frau Schaeffler verliere ihre letzten Verbündeten - die Mitarbeiter.
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch










Februar 4th, 2009 at 5:32 pm
Zur Falschannahme, man könne alles planen kommt dann wohl noch der systemisch produzierte Größenwahn.
Leider weiß ich nicht mehr genau, wo ich es gelesen habe, doch vermutlich war es im Harvard BusinessManager oder in der Brandeins.
In diesem Artikel ging es um den modernen Größenwahn der “Herrschenden”.
Bereits aus früheren Zeiten ist bekannt, dass mit der Macht oft auch der Gaul mit den Herrschenden durchgegangen ist.
Nun in diesem Artikel war zu lesen, dass vor allem Topmanager sich heute dadurch beweisen (es sich selbst gegenüber auch beweisen müssen), dass sie immer noch schwierigere “Projekte” unter immer noch schwierigeren Bedingungen meistern können.
Der Erfolg des Topmanagers wird nicht mit Geld bezahlt, er wird, emotional, mit dem nächsten Vorhaben bezahlt. Ist es einem Menschen einmal gelungen, sich selbst glauben gemacht zu haben, dass er alleine es war, der einen Geschäftsbereich gerettet, einen Millionendeal klar gemacht, eine Firma revolutioniert hat, was ist dann das Nächste? was muss dann kommen? wie kann der Hormonlevel gehalten werden?
Die Antwort auf diese Frage wird nicht selten so beantwortet:
“Da geht noch mehr!”
Und da unsere Systeme so aufgebaut sind, dass der Erfolg solcher Aktionen Einzelnen angerechnet wird, ist es auch nicht verwunderlich, dass diese Einzelnen glauben immer noch mehr schaffen zu können. Dabei werden sie selten gebremst und oft noch bestärkt und so kommt es, dass sie sich irgendwann übernehmen müssen.
Ich selbst hatte im Sommerurlaub ein Gespräch mit einem internen Kenner der Branche und einem persönlichen Bekannten von Frau Schaeffler. Er war voller Lob ob der Gerissenheit und Weitsicht von dieser Topmanagerin und absolut sicher, dass sie den Laden von Conti wieder auf Spur bringen wird.
Mein Schwacher Einwand war, das sich Schaeffler allerdings zahlenmäßig schon drastisch übernimmt.
Schade ist, das recht haben nicht immer Freude macht.
Viele Grüsse
Februar 4th, 2009 at 9:44 pm
Nun, Frau Schaeffler alleine war es ja nicht. Sie hat das importiert, was in USA gang und gebe war: David frisst Goliath und alle spenden Beifall. Chuzpe und ein Husarenstück: Verstecktes Anschleichen. Verschwörungen im Finanzvorstand, die Wennemer nicht mehr korrigieren wollten. Wahrscheinlich auch Versprechungen auf später, wenn man das Fell des noch nicht erlegten Bären schon verteilt hatte. Der Deal lief doch eigentlich perfekt.
Nicht perfekt war, dass die Aktienkurse fielen. Das konnte damals kaum einer vorher sehen. Man spielte weiter Monopoly auf dünnem Eis. Aber die Beute war einfach zu verlockend und vor allem: Die Bewundernung, die ein solcher Coup auslösen würde. Es hätte ja beinahe auch gut gegangen.
Dann fiel diese Fusion ins Gap. Der Spagat mißglückte und bevor beide Beine auf dem Eis waren, tat sich eine riesige Gletscherspalte auf. Wer konnte damit rechnen? Niemand.
Nun hängen sie da - können weder vor noch zurück. Haben keine Kraft mehr, sondern werden im freien Aktienfall durchgereicht an die Banken, die ja auch vornehmlich damit beschäftigt sind, sich selber zu retten. Leichenflederei bei einem guten Unternehmen wie der Conti - nun gut, dann nehmen sie das notgedrungen auch noch mit.
Aber keine sollte meinen, dass von dort die Rettung käme. Auch ein Herr Merckle wird es in seiner Verzweiflung gewusst haben. Die Banken sind ihr erster und eigener Fall. Und gut ist.
Vergessen wurde die Binsenweisheit: What goes up, must come down.
http://www.youtube.com/watch?v=8V_T9qkrdHs
Oder ahnten alle schon, dass es ein heißer Tanz war und man mit umso mehr Gerissenheit die letzten Deals unter Dach und Fach bringen musste? Dann war eine Menge desperat-manischer Energie am Werk. Die Zeit der Helden und Heldinnen ist wohl vorbei.
Gut so. Sollen sie alle abtreten.
Grüsse - schöner Blog. Danke.
Februar 5th, 2009 at 7:56 pm
hi karin,
witzige hommage an “night on earth”, das video “what goes up…”. danke für das link!
na klar war frau schaeffler nicht alleine. es gibt genug andere ähnlich geartete selbsterklärte helden, wie zum beispiel den gorilla von lehmann - hat mal eben mit seiner genialität einen guten teil dazu beigetragen, über 150 jahre erfolgreiche bankgeschichte in den dreck zu treten - natürlich gegen adäquate eigene boni. wären seine manager so desaströs, hätten sie einen tritt in den hintern bekommen. und weitere namen sind genauso bekannt wie das spiel.
solltest du recht damit haben, dass die zeit der helden wohl vorbei ist, dann wäre wenigstens schon mal dies ein echter erfolg. denn ihre erfolge beruhten ja wohl auch in der vergangenheit niemals auf ihrer alleinigen leistung.
herzliche grüße
andreas
Februar 5th, 2009 at 8:03 pm
hi gebhard,
vielen dank für diesen schönen einblick in die von mangelndendem kritischem verstand betrunkene sicht eines bekannten von frau schaeffler. das zeigt: dieses spiel um immer neue erfolgreiche heldentaten funktioniert nur, weil es eben auch genügend dumme gibt, die tatsächlich diesen ganzen müll von vorhersagbarkeit und kontrolle glauben.
ein weiterer beleg, dass adorno und horckheimer recht haben mit ihrer dialiektik der aufklärung: die vernunft und der kritische eigene verstand haben noch lange nicht in der breite fußgefasst. die aufklärung ist ihre versprechen schuldig geblieben.
herzliche grüße
andreas
April 28th, 2009 at 12:39 pm
[...] gerade ein weiterer Fall von sinnloser Unternehmens-Zerstörung? Am 04. Februar 2009 habe ich die Situation von Schaeffler / Continental unter dem Blickwinkel mangelnder Prognosemöglichkeit, sprich Nichtwissen über die Zukunft, in [...]
Mai 5th, 2009 at 11:48 am
[...] um es Ihnen kurz in Erinnerung zu rufen: Schaeffler schleicht sich strategisch raffiniert an die wesentlich größere Continental AG (die ja ihrerseits kurz zuvor Siemens VDO aufkaufte und bis heute nicht anständig verdaut hat), um [...]