Das Elend der Prognose
Liebe Leserin, lieber Leser,
neulich fiel mir ein kleiner Karton mit einigen Zeitungsausschnitten in die Hände. Ein Artikel erregte sofort meine Aufmerksamkeit zum Themenkomplex Prognose - Nichtwissen - Intuition:
“Großfusionen sind out”, erschienen im Handelsblatt, Seite K4 vom 24./25.12.1999
Na ob das wohl so haltbar ist? Mir scheint es interressant, nach über 10 Jahren (Aktualisierung vom 11.03.2010) mal eine ziemlich großspurige Wirtschafts-Prognose auf den Prüfstand zu stellen. Das deshalb, da Prognosen einen paradigmatischen Kern unseres Wirtschaftssystems bilden. Ständig prognostiziert irgendjemand irgendetwas. Mit diesen selbstverständlich auf seriösen und vor allem vielen Daten basierenden Zukunftsaussagen suggerieren die Prognostizierenden sich und dem Rest der Welt, dass die Zukunft und damit der Erfolg kontrollierbar seien. Damit sind sie Herr in ihrem Hause und die Angst, es könnte anders kommen als erwartet, ist gebannt.

Cartoon mit freundlicher Genehmigung von R. Schmidt
Konkret hat in dem genannten Artikel der damalige Deutschland-Chef von Andersen Consulting Karl-Heinz Flöther folgendes gesagt: “Die Zeit der großen und einseitig kostengetriebenen Fusionen geht zu Ende.” Alles war gut belegt und Andersen konnte - wie es sich für einen der Global Player unter den Beraterfirmen gehört - natürlich eigene Studien zum Beweis vorlegen. Eines seiner Argumente lautete: Internetunternehmen wie Amazon revolutionieren den Weltmarkt.
Indes wie sieht die Wirklichkeit im Jahr 2007 aus? Continental kauft Siemens VDO für rund 11,4 Milliarden Euro. Es ist eine Fusion unter Global Playern, Conti verdoppelt fast seine gesamte Belegschaft auf rund 142 000 Mitarbeiter weltweit. Ein Jahr später wird die Continental AG von der Schaeffler AG geschluckt. Der Schuldenberg wächst auf über 20 Milliarden Euro! Die FAZ titelte bereits am 11.12.2007: “Renaissance der Großfusionen” und berichtet von möglichen “gewaltigen Veränderungen” in der Pharmabranche. Sanofi-Aventis könnte möglicherweise Bristol-Myers Squibb übernehmen, was zweifelsohne eine Großfusion wäre. Desweiteren erwartet der momentane JPMorgan-Chef James Dimon die Fusionen großer Banken infolge der US-Hypothekenkrise. Damit nicht genug.
Auch im Bereich weltweiter Rückversicherer werden Großfusionen nicht nur diskutiert (die Münchner Rück erteilt einer Großfusion (noch) eine Absage), sondern auch durchgeführt: SwissRe hatte 2006 die GE Insurance Solutions für rund 7 Milliarden US Dollar erworben und damit die Weltmarktführung übernommen. Etwas bescheidener ging es zu Jahresbeginn 2007 in Deutschland zu: Thomas Cook fusioniert mit MyTravel, was aber immerhin zu einer Prüfung der EU-Kartellbehörde führte, ob wettbewerbsrechtliche Bedenken bestehen.
Klingt das alles nach einem Ende der Großfusionen? Und was ist nach dem 11. September mit vielen Internet-Unternehmen passiert? Klar doch, woher sollte der arme Herr Flöther das auch ahnen? Das Beste aber kommt noch: Arthur Andersen und Ernst & Young fusionierten selbst zum 01. September 2002.
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch










Dezember 14th, 2007 at 10:43 am
Lieber Andreas,
mittel- und langfristige Prognosen über das Verhalten “komplexer Systeme” (Gesellschaft, Unternehmen, Menschen, Natur…) sind m. E. so aussagekräftig wie eine Wettervorhersage für das Jahr 2009. Sie werden im Pressealltag jedoch gerne verbreitet, weil die Redaktionen “News” als Treibstoff ihres Geschäfts benötigen und weil kaum jemand auf die Idee kommt, frühere Prognose nochmals zu reflektieren. Letzteres lohnt sich wahrscheinlich auch nur zu Karneval…
Im Kontext “Unternehmensberatung” sind Prognosen, Studien & Co. in vielen Fällen primär ein Marketing-Instrument, um in der Medienberichterstattung präsent zu sein. Aus dieser Perspektive betrachtet lautet die zentrale Botschaft von Karl-Heinz Flöther NICHT “Die Zeit der großen und einseitig kostengetriebenen Fusionen geht zu Ende.” SONDERN STATTDESSEN “Hallo Leute, es gibt uns - Anderson Consulting - noch”.
Sonnige Grüße!
Claus
Dezember 15th, 2007 at 11:14 pm
lieber claus,
dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen. danke für die präzise beschreibung!
liebe grüße
andreas
Februar 4th, 2009 at 4:12 pm
[...] Es ist und bleibt erstaunlich: Wie können Top-Manager und Inhaber von ehedem erfolgreichen Firmen ihren eigenen, wohlverdienten Erfolg zerstören? In der so unsäglich illusionären Annahme, große Deals wären planbar, Erfolg wäre nur eine Frage zu kontrollierender Paramenter, die natürlich alle zu kalkulieren seien. Jegliche rationale Wahrscheinlichkeitsrechnung spricht gegen den Erfolg von (Groß-)Fusionen, und trotzdem bleiben sie einer der beliebtesten Wachstumsbooster in der Wirtschaft. [...]
Mai 5th, 2009 at 11:58 am
[...] basierte” Analyse zum Thema Großfusionen publik gemacht (Mehr darüber hier). “Großfusionen sind out” - Nun, mir scheint dies ein weiterer von unzähligen Belegen [...]