Sei nicht zu raffiniert - oder: “Die Evolution der Kooperation”
Liebe Leserin, lieber Leser!
Im Zuge des Schreibens meines neuen Buches “Feel it! Soviel Intuition verträgt Ihr Unternehmen” bin ich auf etwas gestoßen, was mir die Augen geöffnet hat und was ich gerne jetzt schon (mit-)teilen will:
In den 1970ern untersuchte der Mathematiker und Politikwissenschaftler Robert Axelrod verschiedene Kooperationsstrategien bei so genannten „iterierten“ Spielsituationen, also wenn wir unseren Mitspieler wieder sehen und mit ihm öfters in eine Spielsituation kommen. In solchen Situationen ist für die Entscheidung zwischen Kooperation oder Defektion (=Nicht-Kooperation) die Zukunft genauso wichtig wie die Gegenwart. Wenn wir nur einmal auf einen Mitspieler treffen, ist es aus rein monetär-ökonomischer Sicht vorteilhaft, nicht zu vertrauen und nicht zu kooperieren. Für unsere tägliche Arbeit in Unternehmen gilt aber die iterierte Spielsituation, denn wir sehen uns immer wieder aufs Neue und müssen über Wochen, Monate und Jahre miteinander auskommen.

Robert Axelrod
Axelrold ließ Programmierer in einem Wettbewerb Kooperationsstrategien in Form einer Software entwickeln. Jedes dieser Softwareprogramme zeigte eine bestimmte Verhaltensweise von kooperativ oder nicht-kooperativ und war somit vergleichbar mit menschlichem Verhalten. Es wurden drei unterschiedliche Strategien eingereicht: Immer kooperieren, niemals kooperieren oder eine Mischung daraus in Abhängigkeit, auf welches andere Programm die jeweilige Strategie stieß. Diese verschiedenen Verhaltensweisen in Form der Programme mussten nun in einem Computer gegeneinander spielen.
Diejenigen Strategien, die in einer Spielrunde das beste Ergebnis erzielten, durften in den folgenden Runden wieder gegeneinander antreten, während die erfolgloseren Strategien nicht mehr eingesetzt wurden. Dabei zeigte sich, dass diejenigen Programme erfolgreicher waren, die auf Kooperation setzten. Der eindeutige Sieger war am Ende die mittlerweile bekannte Tit for Tat Strategie. Sie kooperiert grundsätzlich im ersten Spielzug und spiegelt dann das Verhalten des Mitspielers aus dem vorherigen Zug. Wenn der Mitspieler kooperiert, wird wieder kooperiert. Tritt das Gegenteil ein, kooperiert Tit for Tat ebenfalls nicht.
In diesem Experiment starben die nicht-kooperierenden Programme aus. Tit for Tat erzielte in einer einzelnen Spielrunde niemals das beste Ergebnis, führte dafür aber auf lange Sicht zum größten Erfolg. In der „Population“ der Programme war Tit for Tat am Ende die überzeugendste Strategie. Die nicht-kooperierenden Programme waren kurzfristig gewinnbringender, sorgten aber dafür, dass die nur kooperierenden Strategien gewissermaßen ausstarben - und tilgten sich damit selber aus der Population, weil sie keine Opfer mehr fanden. Axelrod leitete daraus folgende Handlungsempfehlungen ab:
- Sei nicht neidisch
- Defektiere nicht als erster
- Erwidere sowohl Kooperation als auch Defektion
- Sei nicht zu raffiniert
Durch die übliche Verkürzung von Tit for Tat auf „Wie du mir, so ich dir“, geht das Wesentliche der Strategie verloren. Es ist dann nicht mehr Tit for Tat. Axelrod beginnt bezeichnenderweise mit der Regel, nicht neidisch zu sein! Damit meint er erstens, nicht in Nullsummen-Interaktionen zu denken, also nicht einen Gewinner und Verlierer vorauszusetzen, auch wenn wir das gewohnt sind. Denn im echten Leben gibt es häufig Situationen, in denen beide Parteien (oder Gegner, wenn wir Wirtschaft als Kampf oder gar Krieg begreifen) gewinnen oder verlieren können.
Zweitens erzeugen wir ein Problem, wenn wir als Vergleichsmaßstab für unseren Erfolg den Erfolg des anderen Spielers heranziehen. Denn ein solcher Vergleich führt leicht zu Neid. Und Neid führt dazu, „jeden Vorteil zu korrigieren, den der andere Spieler erreicht hat. Im Gefangenendilemma ist eine Korrektur der Vorteile der anderen Seite nur durch Defektion möglich. Defektion führt aber zu weiterer Defektion und zu gegenseitiger Bestrafung. Neid wirkt daher selbstzerstörerisch.“ Anders gesagt: Wer neidisch auf den Erfolg des Spielpartners schielt, neigt dazu ihn zu sabotieren, was dieser wiederum mit Defektion quittiert - und schon sind wir in einer Defektionsspirale, in der beide zu Verlierern werden, weil sie sich immer gegenseitig für die mangelnde Kooperation des anderen im vorherigen Spielzug abstrafen. Positiv formuliert: In einem sich wiederholenden Gefangenendilemma ist der Erfolg des anderen die Voraussetzung für den eigenen Erfolg!
Die zweite Regel, niemals als erster zu defektieren, also im ersten Spielzug immer zu kooperieren, heißt auch, ein Kooperationsangebot zu machen, dass auf Vertrauen basiert und nicht auf Misstrauen!
Aus der dritten Regel, Kooperation und Defektion zu spiegeln, folgt, nicht nachtragend zu sein! Auf eine Defektion des Mitspielers reagiert Tit for Tag niemals mit zwei Defektionen in Folge! Umgekehrt reagiert Tit for Tat nicht zu nachsichtig, indem es erst auf zwei Defektionen des Spielpartners mit einer eigenen Defektion reagiert. Es ist also grundsätzlich sinnvoll, so weit wie möglich einen „Reset“ der Beziehung vorzunehmen.
Die vierte Empfehlung, nicht zu raffiniert zu sein, wird meistens ebenfalls ignoriert. Zu komplizierte Programme schnitten häufig schlechter ab, als die einfachen. Denn die dahinter liegenden Regeln wurden von den Mitspielern nicht mehr verstanden und erschienen zufällig. Die Mitspieler hatten keinen Grund mehr, zu kooperieren, da es scheinbar keinen Einfluss auf den Anderen gab. Bei Tit for Tat wissen wir sofort was Sache ist und können den Anderen zur Kooperation bewegen. Maria-Elisabeth Schaeffler und Wendelin Wiedeking sind Prototypen der Rafinesse, stolz auf die eigene Trickkiste und darauf, etwas gänzlich Überraschendes aus dem Hut gezaubert zu haben. Das Ergebnis Ihrer Winkelspiele bestätigt Axelrods Studienergebnisse.
Buchtipp: Axelrod, R. (2009): Die Evolution der Kooperation. Scientia Nova
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch










November 5th, 2009 at 1:14 pm
[...] erhält jeder Mitspieler vier Figuren der gleichen Farbe. Diese stellt er in die vorgegebene Ecke um das Spiel zu beginnen. [...]
März 24th, 2010 at 12:05 am
[...] Vertrauen und Kooperation sind zentrale Prinzipien für eine effektive Entscheidungskultur. Unser Wirtschaftssystem gründet sich jedoch auf Wettbewerb und Misstrauen. Zweifelsfrei. Konkurrenten unterbieten sich zum Beispiel mit idiotischen Dumpingreisen, wie wir es seit ein paar Jahren bei den menschenverachtenden Lebensmitteldiscountern wie Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Norma, Penny, Plus und REWE beobachten können. Die Personalkosten wurden auf 1,5% der Betriebsausgaben gekürzt und die Mitarbeiter werden obendrein derart dreist ausspioniert, dass auch seriöse Medien wie die Süddeutsche Zeitung von “Stasi-Methoden” sprechen. [...]