Erklärungsmodelle (6): Fraktale Affektlogik
Liebe Leserin, lieber Leser!
Der Berner Psychiater Luc Ciompi legte 1997 die „fraktale Affektlogik“ in seinem Buch „Die emotionalen Grundlagen des Denkens“ vor. Er zeigte, „dass affektive Komponenten – unter anderem in Form der sogenannten Intuition – auch wesentliches zur Lösung von intellektuellen Problemen beizutragen haben, genauso wie umgekehrt unser Denken die Gefühle in mannigfacher Weise beeinflusst und erhellt.“ (a.a.O.: 41) Das Ausgangspostulat seiner affektlogischen Theorie besteht darin, dass alle emotionalen und kognitiven Anteile “in sämtlichen psychischen Leistungen untrennbar miteinander verbunden sind und gesetzmäßig zusammenwirken.“ (a.a.O.: 46)
Unbedingt empfehlenswert für alle die es genau wissen wollen!
Zu Beginn drei Definitionen, um klarzustellen, wovon Ciompi eigentlich redet. Unter einem Affekt versteht er eine „ … von inneren oder äußeren Reizen ausgelöste, ganzheitliche psycho-physische Gestimmtheit von unterschiedlicher Qualität, Dauer und Bewusstseinsnähe.“ (a.a.O.: 67) Daraus folgt, dass durch die mögliche Unbewusstheit von Affekten der gesamte Körper als „Organ“ der Gefühle fungieren kann - womit Ciompi die „somatischen Marker“ des amerikanischen Neurologen Antonio Damasio vorwegnimmt.
Unter Kognition versteht Ciompi das „Erfassen und weitere neuronale Verarbeiten von sensorischen Unterschieden und Gemeinsamkeiten“ (a.a.O.: 72). Mit dem Begriff Logik meint er die „Art und Weise, wie kognitive Inhalte miteinander verknüpft werden“ (a.a.O.: 78). Entscheidend ist dabei, dass keine normative Logik entwickelt wird, wie korrekt gedacht werden sollte, sondern wie tatsächlich gedacht wird unter dem Einfluss verschiedener affektiver Einfärbungen.
Das wir keineswegs immer korrekt denken, beispielsweise im Sinne richtiger Wahrscheinlichkeitsrechnungen, ist seit Jahren Gegenstand der Entscheidungspsychologie. So kommt es, dass man mit derselben formalen Logik (im Sinne einer normativen Logik) in verschiedenen affektbedingten Zuständen durch eine unterschiedliche Auswahl, Verbindung und Bewertung von kognitiven Inhalten (sprich: Daten) in derselben Situation zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangt.

Im weiteren beleuchtet Ciompi Affekte als „grundlegende Operatoren von kognitiven Funktionen“:
- „Affekte liefern die Energie für jegliche kognitive Dynamik und sind insofern als Motivatoren der Kognition zu betrachten…
- Affekte sind kontinuierlich für den Fokus der Aufmerksamkeit verantwortlich…
- Affekte eröffnen oder verschließen den Zugang zu verschiedenen Gedächtnisspeichern…
- Affekte verbinden kognitive Elemente miteinander und schaffen so Kontinuität…
- Affekte bestimmen die Hierarchie der Denkinhalte….
- Affekte sind ein wichtiges Mittel zur Komplexitätsreduktion.“ (vgl. a.a.O.: 94-99)
Damit werden Affekte zu einem „ … essentiellen Aspekt unserer jeweiligen individuellen Wirklichkeitskonstruktion und Weltsicht.“ (a.a.O.: 124) Sie lassen sich nicht einfach durch Konzentration auf rationale Vorgehensweisen ausschalten, sondern bleiben immer maßgeblich auch für unsere logischen Schlussfolgerungen und bilden das jeweils aktuelle affektive Bezugssystem für kognitiv-rationale Prozesse.
Zu dem Ergebnis kommt auch der Wirtschaftswissenschaftler Michael Nippa im Rahmen seiner Übersichtsarbeit über Intuition und Emotion in der Entscheidungsforschung. „Emotionen wie Angst, Zorn oder Zuneigung können in komplexen Entscheidungssituationen richtungsweisend sein.“ (Nippa 2001: 232) Einerseits formuliert Nippa die Situation etwas vorsichtiger („können…“), andererseits aber auch deutlicher („richtungsweisend“).
Ciompi interpretiert diese affektiven Bezugssysteme im Rahmen der Chaostheorie: Jede affektive Stimmung wirke dabei als typischer Attraktor, der alles Denken und Verhalten konditioniert. Auf diese Weise wird der Aufmerksamkeitsfokus, respektive das augenblickliche Bewusstsein in einer sich ständig wandelnden, dynamischen Attraktorlandschaft von verschiedenen, sich abwechselnden Attraktoren hin und her gezogen.

empathia, „Lebensfreude“, CC-Lizenz (BY 2.0). Bild stammt aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de
Natürlich sind diese Attraktoren (also: affektiven Bezugssysteme) nicht immer bewusst (siehe oben: unbewusste Affekte) und bilden somit auch unbewusste oder vorbewusste Anziehungskräfte auf kognitiv-rationale Prozesse. Diese unbewussten oder vorbewussten Attraktoren bilden mitunter neue Bahnen, in die das Denken gelenkt wird, fernab ausgetretener bewusster Pfade, so wie es bei intuitiven Entdeckungen oft der Fall ist.
Diese Theorie erklärt auch, warum Entspannung als größter gemeinsamer Nenner aller Intuitionstrainings immer wieder auftaucht und tatsächlich ein wirksames Mittel darstellt, um Intuition zu fördern: Durch Entspannungstechniken aber auch Angstgefühle werden nachweislich verschiedene Hirnströme so moduliert, dass ein für Alltagszustände untypisches EEG-Bild entsteht. Dies könnte eine physiologische Erklärung für die originelleren Denkprozesse sein, die sich oft in durch Entspannung oder Angst und Stress modulierten Zuständen einstellen (ein dafür typisches Beispiel findet Ihr ausführlich erzählt in meinem kommenden Buch“Feel it!”).
Der Aufmerksamkeitsfokus wird durch andere neurophysiologische Attraktoren gelenkt, als im normalen Alltagsbewusstsein, wodurch mit höherer Wahrscheinlichkeit neue Verbindungen von kognitiven Elementen entstehen können. Das im Zusammenhang mit Intuitionstrainings vorzugsweise Entspannungstechniken eingesetzt werden, leuchtet sofort ein: Erstens ist den meisten von uns ein entspannter Zustand angenehmer als ein gestresster oder gar ängstlicher; zweitens können Angst und Stress auch umschlagen und zu kognitiver Lähmung, also Denkblockaden führen; und drittens ist ein entspannter Zustand ökonomischer als ein gestresster mit den dazugehörenden vegetativen Symptomen von erhöhtem Blutdruck, erhöhter Herzfrequenz u.a.m.
Damit ist einmal mehr gezeigt, dass rationale und affektiv-intuitive Prozesse keineswegs sauber getrennt voneinander ablaufen, wie es sich die Befürworter rationaler Entscheidungsprozesse verträumt wünschen. Rationales Denken ist jedoch nicht verseucht mit Affekten, Emotionen oder Stimmungen, sondern diese sind sogar die Grundlage, um überhaupt vernünftige Entscheidungen treffen zu können – und nicht nur in Ausnahmesituationen, sondern im alltäglichen Leben.
Das Affekte, mithin Emotionen und - allgemein gesagt - Gefühle in der Wirtschaft eine große Rolle spielen, ist glücklicherweise nicht nur meine Meinung. Im folgenden ersten Video eines Dreiteilers diskutieren die beiden Professoren Birger Priddat und Werner Vogd die Bedeutung der Affektlogik in der Wirtschaft:
Herzliche Grüße
Andreas Zeuch
Weiterführende Links
Wikiartikel zum Begriff der “Affektlogik”
Literatur
Ciompi, L. (1997): Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Vandenhoeck & Ruprecht
Nippa, M. (2001): Intuition und Emotion in der Entscheidungsforschung - State-of-the-Art und aktuelle Forschungsrichtungen. In: Schreyögg, G.; Sydow, J. (Hrsg.): Emotion und Management.
Zeuch, A. (2010): Feel it! Soviel Intuition verträgt Ihr Unternehmen. Wiley










März 9th, 2010 at 3:07 pm
Zuerst mal hallo, das ist schließlich mein erster Kommentar hier. Diesen Satz habe ich mit besonderem Genuss gelesen:
“Damit ist einmal mehr gezeigt, dass rationale und affektiv-intuitive Prozesse keineswegs sauber getrennt voneinander ablaufen, wie es sich die Befürworter rationaler Entscheidungsprozesse verträumt wünschen.”
März 9th, 2010 at 5:08 pm
Hallo,
bedeutet dieser Artikel, das jetzt, wo es “wissenschaftlich bewiesen” ist, wir etwas glauben dürfen, was die Hypnose- und Spirit-Leute schon seit weit über 10 Jahren sagen? Dass nämlich der Verstand an sich und damit alle darauf aufbauenden Lehren sehr sehr begrenzt ist?
Schade, dass für uns Deutsche immer alles wissenschaftlich bewiesen sein muss, damit wir es für wahr halten.
Gruß
Manfred Schubert
März 9th, 2010 at 5:44 pm
“Das wir keineswegs immer korrekt denken, beispielsweise im Sinne richtiger Wahrscheinlichkeitsrechnungen (…)” - allerdings. Man kann immer wieder beobachten, dass Menschen, die mit zwei Würfeln eine möglichst hohe Gesamtaugenzahl würfeln wollen, intuitiv dazu tendieren, die Würfel energisch zu werfen. Ebenso probieren sie, eine möglichst niedrige Gesamtaugenzahl durch besonders vorsichtiges Würfeln zu erreichen.
März 10th, 2010 at 12:11 am
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März 11th, 2010 at 10:20 am
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